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Raus aus den Schubladen!

Der Tenor Andreas Schager

Junge Sängerinnen und Sänger mit einer großen Stimme haben immer ein Problem. Sie müssen erst eine Durststrecke durchstehen, bis sie im für sie natürlichen Fach landen. Man kann eigentlich keinem 24-Jährigen einen Florestan geben.
Letzteres unterschreibe ich nicht. Man kann einem 24-Jährigen sehr wohl einen Florestan geben. Meinen ersten Vertrag hatte ich in Krefeld-Mönchengladbach. Ein gutes Haus, aber kein sehr großes. Dieser Vertrag wurde nach zwei Jahren nicht verlängert, weil meine Stimme zu klein für das Haus gewesen sein soll. Das war damals die offizielle Begründung. Natürlich war da etwas Wahres dran: Wenn ein Sänger nicht die ihm entsprechenden Rollen bekommt, dann wird er wie eine Blume, die den falschen Dünger erhält, irgendwann eingehen. Und dann schafft er auch keine Mozart-Oper mehr, weil er falsch geführt wurde. Wenn Sänger von der Natur her eine große Stimme mitbringen, müssen sie auch mit großen Aufgaben gefüttert werden. Es braucht den richtigen Dünger. Und man muss immer auf den jeweiligen Sänger eingehen. Es darf nicht zum reinen Schubladendenken kommen nach dem Motto: Zuerst singst du zwei Jahre Mozart, dann drei Jahre Schubert, und dann kommt irgendwann einmal Beethoven – und zum Schluss, mit 55, beginnen wir langsam mit Wagner. Andererseits kann man nicht aus jedem Sänger einen Wagner-Sänger machen. Ein Dirigent sagte mir einmal: Man kann aus keinem Spatzen eine Taube machen, und wenn man ihn noch so sehr füttert. Es braucht also eine sehr individuelle Karriereentwicklung.

Spielen Musikhochschulen dabei zuweilen eine ungute Rolle?
Ein ganz klares Ja. Universitäten sind oft eine Parallelgesellschaft, abgeschlossen, und niemand achtet bei den Studierenden darauf, wie es nachher weitergehen könnte. Das universitäre System produziert bei Sängerinnen und Sängern über 90 Prozent Arbeitslose. Ein Skandal erster Güte. Dazu noch eine kleine Geschichte aus meiner Vita: Ich habe ja erst spät mit dem Singen angefangen. Als ich dann an die Wiener Musikhochschule gekommen bin, gab es damals noch das dreijährige Kurzstudium. Das habe ich absolviert. Mein Lehrer war der wunderbare Walter Moore. Ein fantastischer Pianist und der am längsten dienende Professor an der dortigen Hochschule. Er hörte meine Stimme und sagte: «Kommen Sie gern in meine Klasse. Aber ich gebe Ihnen einen guten Rat: Nehmen Sie sich hier keinen Gesangslehrer.» Eine lustige und gleichzeitig sehr traurige Geschichte.

Das gesamte Interview von Markus Thiel lesen Sie in Opernwelt 11/22