Geboren ist Hegemann 1996 in Jena als Sohn eines Arztpaares, das Anfang der Nullerjahre mit ihm nach Zürich übersiedelte. «Als Siebenjähriger kann man schlecht sagen: Ich komm’ nicht mit.» Was einen kleinen Hinweis darauf gibt, wie sehr er mit seiner neuen Heimat Schweiz fremdelte. Und doch erst mal dablieb, nach einer Kindheit, in der das Theater zwar irgendwie präsent war, aber nie im Zentrum stand. «Erst mit 17 habe ich mein erstes richtiges Stück mit dem Jugendklub in Zürich gemacht», erzählt er, «und so kam ich in diese Szene rein. Aber ab dann ging es wahnsinnig schnell, mit 18 habe ich in der Freien Szene gespielt und da erfahren, dass man das wirklich studieren kann. Ich hatte davon überhaupt keine Ahnung.» Worauf er sich über die gängigen Ausbildungsstätten informierte – und erfuhr, dass er die Fristen in Berlin, München, Wien für das nächste Semester schon verpasst hatte. Ausnahme: die Zürcher Hochschule der Künste. Hochangesehen, aber eben leider weiterhin Zürich. Dabei wollte Hegemann doch ein fach weg. Ein paar Semester blieb er also, um dann zu wechseln.
Foto: Armin Smailovic
Handwerk hilft
Johannes Hegemann, Nachwuchsschauspieler des Jahres 2022
Nach Rostock, an die Hochschule für Musik und Theater, praktisch das Gegenprogramm zur Zürcher Schule, die er damals vor allem in einer Phase der Orientierungslosigkeit und des Neuerfindens wahrgenommen hatte. In Rostock dagegen: ganz klassische Ausbildung, Handwerk. «Ostschule», wie er es ausdrückt. Das hier gepflegte Handwerksethos ist etwas, mit dem man Hegemann fassen kann: «Schauspiel ist sicher nicht nur Handwerk. Aber es ist auch Handwerk, und mir zumindest hilft es.» Inwiefern? «Das heißt nicht, dass man nach Schema F vorgeht. Sondern eher, dass man an seinem Instrument, also seinem Körper und seiner Stimme, eine gewisse Sicherheit findet. Handwerk ist für mich, wenn man mit einem Instrument gut umgehen kann.» Aber weil Hegemann nicht nur ein Handwerker ist, sondern auch einen Sinn für Ironie hat, schiebt er grinsend nach: «Der Körper als Instrument! Das klingt so schrecklich schauspielermäßig!»
Teil der Ausbildung in Rostock ist das sogenannte Studiojahr – vier Studierende bekommen die Möglichkeit, noch vor dem Abschluss ins Ensemble am Staatstheater Schwerin zu gehen. Und in Schwerin stieß Hegemann auf jemanden, der das ostdeutsche Theaterhandwerk zwischen guter Ausbildung und querköpfiger Widerständigkeit nahezu mustergültig verkörpert: auf Milan Peschel, bei dem er in Heiner Müllers «Die Umsiedlerin oder Das Leben auf dem Lande» spielte. Oststadt, Ostregisseur, Oststoff. «Ich bin relativ einfach, ohne viele Krisen und Zweifel, durch die Schauspielschulzeit gekommen», erzählt Hegemann vom Probenprozess. «In Schwerin hab ich dann gemerkt, dass am Theater doch ein anderer Wind weht als an der Schauspielschule. Zum Beispiel in der Arbeit mit Milan Peschel, das war ein toller Regisseur, aber es war trotzdem hart, es war einfach ein ganz anderer Ton. Hallo, willkommen im echten Leben! Willkommen im Theater!» Vielleicht ist das typisch für diesen Schauspieler: dass er die Theaterpraxis mit dem echten Leben identifiziert.
Das gesamte Porträt von Falk Schreiber lesen Sie in Theater heute 11/22