Inhalt

Lauerndleerer Blick

Caren Jeß‘ «Die Katze Eleonore» in Dresden

Spätestens wenn Karina Plachetka eine ziemlich lebensecht aussehende Taube mit gebrochenem Genick zwischen den Zähnen hält, weiß jede:r, dass sie es ernst meint: Eleonore Garazzo, Anfang 40, finanziell unabhängig, seit zwölf Jahren erfolgreiche Immobilienmaklerin, die kürzlich beschlossen hat, ihr Leben als Katze fortzusetzen. Sie habe es erst vor einem Jahr richtig verstanden, obwohl sie es «intuitiv schon immer wusste», dass sie eigentlich das besagte Tier sei. Was die im Job ziemlich resolute und keinesfalls zimperliche Frau Garazzo da in faltenlosem Selbstfindungsslang vorträgt, setzt sie auch um: Also werden alle sozialen Kontakte nach und nach abgebrochen, wird ein sündteures Katzenfell maßgeschneidert, kistenweise Katzenfutter geordert und im häuslichen Eigenheimumfeld Katze performt. Die restlichen Mit- und Kontaktmenschen – Hausärztin, Therapeut – nehmen das zunächst einigermaßen konsterniert, letztlich aber gefasst bis fatalistisch hin. Jede:r ist schließlich selbst seines/ihres Glückes Schmied.

Caren Jeß, die sich in ihrem Stück «Bookpink» vor allem den Vögeln und deren Menschenvergleichbarkeit gewidmet hat, nimmt sich in «Die Katze Eleonore» deren natürliche Fressfeindin vor. So eine Katze ist als Sozialfigur ein interessantes Phänomen: radikal selbstzentriert, gelegentlich nicht unanschmiegsam, weitgehend unberechenbar je nach aktueller Bedürfnislage – sozusagen charmant störrischer Individualismus ohne auffällige destruktive Tendenz (außer für Vögel, Mäuse etc.). Hinzu kommt eine absolut begrüßenswerte Naturnähe, auch unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten für unseren Planeten. Für Mutter Erde wäre es zweifellos gesünder, wenn sich auf ihr acht Milliarden Katzen statt Menschen tummeln würden. Also warum eigentlich nicht?

Karina Plachetka ist auf dem Weg zur Katzenwerdung im Kleinen Haus des Dresdener Staatsschauspiels eindrucksvoll weit fortgeschritten. Sie beherrscht virtuos den lauerndleeren Katzenblick, die ruckhaften kleinen Bewegungen, das ohrenbetäubende Schnurren, beängstigende Turneinlagen auf dem – menschenhohen – Katzenbaum, sie kratzt auch gelegentlich mit ihren Fingernägel übers Holz, dass das anwesende Publikum schaudernd zusammenzuckt. Statt eines Fells hat sie allerdings einen transparenten Bodysuit angelegt, Natur zu Natur (Bühne und Kostüm Max Schwidlinski). Einsamer Höhepunkt ihrer bewundernswerten Anverwandlung ist das genüßlich-geifernde Ausschlecken einer frisch geöffneten Aludose Katzenfutter – Marke «Caren Jeß» (!) –, ohne eine Schnute zu verziehen.

Den gesamten Beitrag von Franz Wille lesen Sie in Theater heute 11/22