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Tanzende Komikerin

Die Choreografin Silvia Gribaudi

Silvia Gribaudi wird gern attestiert, eine Revolutionärin zu sein. Eine des Körpers. Doch wäre sie wirklich eine Aktivistin, dann eher als Sozialarbeiterin. Immer wieder engagiert sie sich in breitenwirksamen Projekten. Ihre neckischen Stücke für den öffentlichen Raum erinnern wiederum an die Commedia dell’Arte, sie selbst wirkt darin wie ein weiblicher Arlecchino ohne Maske. Aber auch auf der Bühne bezieht sie das Publikum mit ein, lässt es eine aktive Rolle spielen, ohne irgendjemanden auf die Bretter zu zerren oder sonst wie zu brüskieren. Gemeinsam Spaß haben, das ist das Motto. Und da geht nun mal alles, außer sich ernst zu nehmen.

Gribaudi selbst lebt es vor, ihre Tänzer*innen tun es ihr gleich – und das Publikum wirkt wie befreit. Man muss nur über sich selbst lachen können. Ganz wichtig auch: Ein rundlicher Körper ist einfach lustiger als ein durchtrainierter. Gribaudis Körper ist einer, der täglich die Erfahrung macht, dass schon beim Gehen und erst recht beim Tanzen die Fettpolster sich jeder Kontrolle entziehen und ein Eigenleben entwickeln, wenn nicht gar ihren eigenen Tanz. Allein die Vorstellung davon bringt Gribaudi bereits zum Lachen. Und das Publikum lacht umso mehr.

Man könnte es ihr nun so auslegen, dass sie sich aus philosophischen, spirituellen oder anderen Prinzipien mit Schönheitsidealen auseinandersetzt und diese torpediert, um der Gleichberechtigung aller Körperformen willen, und der weiblichen im Besonderen. Eine Art Körperfeminismus ohne Geschlechtergrenzen. Doch im Grunde setzt sie einfach ihr schalkhaftes Naturell mit ihrem heutigen Körper in Beziehung. Dass sie in einer Gesellschaft lebt, die schlanke Körper verherrlicht, dafür kann sie nichts. Wahrscheinlich wäre sie auch mit der Hälfte ihres heutigen Gewichts eine tanzende Komikerin. Dabei war sie einst Ballerina. «Da war ich sehr schlank. Aber als ich 26 war, begann mein Körper sich aufzuplustern. Was sollte ich nun anstellen, mit diesen Rundungen? Ich beschloss, meinen Körper neu zu entdecken und zu schauen, was für Bewegungen er erzeugen würde. Es war die Zeit, in der ich zwar Choreografin werden wollte, aber noch nicht den nötigen Mut und das Selbstvertrauen besaß.» Was natürlich auch mit dem sich wandelnden Körper zusammenhing.

Das gesamte Porträt von Thomas Hahn lesen Sie in tanz 11/21