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Geisterhafte Präsenz

George Enescus «Œdipe» an der Komischen Oper Berlin

Mit höchster Kraftentfaltung wuchtete die Komische Oper, wieder in voller Orchesterstärke, George Enescus «Œdipe» auf die Bühne, jene Tragédie lyrique um den verfluchten Vatermörder und Mutterschänder, an deren ingeniöser Partitur der Rumäne, auch weltberühmter Geiger, jahrzehntelang hauptsächlich in Paris geschrieben hatte, von 1910 bis 1936. Enescus einzige Oper, ein genialer Wurf, ist ja noch immer ein Lieblingsstück der Spielplanprüfer und Qualitätskontrolleure, aber leider gelangt sie, trotz ihrer gewaltigen musikalischen Überredungskunst, nicht ins Repertoire. Und das, obwohl Götz Friedrich sie 1995 an der Deutschen Oper Berlin herausgebracht hatte und dafür prompt mit dem Etikett «Wiederentdeckung des Jahres» belohnt worden war.

Ohne Unterlass befindet sich der «Held» Ödipus auf dieser Bühne der Trostlosigkeit. Es ist eine Wahnsinnspartie als Tour de Force für den Protagonisten, den mit enorm differenzierender Stimmkraft, Körperspannung und Erzählvielfalt agierenden Leigh Melrose. Durch seine geisterhafte, das Unglück stets reflektierende Präsenz gewinnt die Aufführung ihre Dichte und ihren Hochdruck. Die Verzauberungskraft des Werkes fließt jedoch durch Enescus kunstvoll elaborierte, sich mehr und mehr rauschhaft steigernde musikalische Weltsprache.

«Die mich treibende Kraft, mein Drama und mein Abenteuer bestehen aus drei Silben: Ö-di-pus», sagte der Komponist und beteuerte den existenziellen Impuls seiner Arbeit: «Ich habe alles von mir hineingelegt.» Was die Zuhörerinnen und Zuhörer tatsächlich betören kann, ist diese sich ins Hirn hineinbohrende Musiksprache: Enescu gelang es, wie mit Zauberhand eine fesselnde musikdramatische wie zugleich symphonische Atmosphäre zu schaffen. Musikalische Elemente aus französischem Impressionismus und modernem Expressionismus, nahe bei Debussy, Wagner oder Schreker, werden mit Vierteltonklängen und rumänischer Volksmusik bannend in Kraft gesetzt.

Ainārs Rubiķis, der junge lettische Musikchef des Hauses, besitzt die Mittel, mit seinem fabelhaft wachsamen Orchester den fließenden, schillern-den Klangstrom fassbar zu machen, ihn zu dynamisieren, sein gleißend melodisches Leben zu befeuern. Chorstimmen des Schicksals, von David Cavelius einstudiert, tönen dramaturgisch einleuchtend, musikalisch fein abgestuft, vom zweiten Rang herab.

Den gesamten Beitrag von Wolfgang Schreiber lesen Sie in Opernwelt 11/21