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Ödipus 2.0

Was kommt heraus, wenn man auf Götter, Flüche, Delphi-Orakel und unausweichliches Schicksalsgedröhne verzichtet und sich bedingungslos auf die Seite der zeitgenössischen Alltagsvernunft schlägt? Schaubühnen-Dramaturgin und Autorin Maja Zade macht in ihrem neuen Stück «ödipus» für Hausherr Thomas Ostermeier am Lehniner Platz die Probe auf die absolute Gegenwart. Zunächst stehen Verkleinerungsmaßnahmen an: Statt des Stadtstaats Theben ein niedersächsisches Familienunternehmen, statt Ex-König Laios ein widerlicher – und gerade frisch verstorbener – Firmenchef, statt Jokaste seine Tochter und Nachfolgerin Christina, statt Kreon ihr zynischer Bruder und gewissenloser Managermacho Robert, statt Ödipus Michael, ein junger Management-Aufsteiger mit einem Faible für Nachhaltigkeit und unternehmerische Verantwortung – und Chefinnen-Liebhaber. Alle zusammen machen sie gerade Urlaub in der luxuriösen Familienvilla in Griechenland, so viel Antike muss sein.

Natürlich hat sich seit 400 v. Chr. auch sonst noch einiges geändert: Man streitet über die richtige Firmenphilosophie – Erfolg oder gesellschaftliche Verantwortung? – und evaluiert den Fortschritt, wenn nicht mehr ältere mächtige Männer ihre jungen Referentinnen vögeln, sondern ältere Chefinnen jüngere Lover befördern. Auch kommt die Enthüllungstragödie nicht durch die Pest in Gang, sondern einen Giftunfall in der Firma, und bis sich endlich her ausstellt, dass Ödipus/Michael eigentlich die Frucht einer Vergewaltigung von Christina/Jokaste durch das Patriarchenscheusal ist, müssen noch viele Zufälle bizarre Haken schlagen. Alles unglaubwürdig? Was man nicht widerlegen kann, könnte vielleicht tatsächlich der Fall gewesen sein – diese unerbittliche Logik jeder Verschwörungstheorie gilt es auch hier zu respektieren. Möglicherweise.

Wer jetzt meint, das klinge aber alles verdächtig nach Vorabendserie, liegt zwar einerseits richtig, aber soweit hat auch Maja Zade mitgedacht. Denn genau das sagen sich ihre Figuren gegenseitig: Sie haben längst den Ehrgeiz aufgegeben, mehr als ihr Drehbuch-Klischee zu sein und fühlen sich darin ganz wohl, solange der Weißwein gut gekühlt, der Smoothie mit Himbeer aroma gereicht und die Firma gut gehandelt wird.

Den gesamten Beitrag von Franz Wille lesen Sie in Theater heute 11/21