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Ein Kaleidoskop menschlicher Gefühle

Der Choreograf Nadav Zelner

Nadav Zelner hat einen kaleidoskopartigen Tanzstil entwickelt, der Alltagsgesten wie Kratzen, Schlagen, Krallen, Zittern und jede Menge Mimik einbezieht. Die Tänzer*innen schneiden Fratzen, strecken die Zunge weit heraus, kichern, lachen, weinen, sind verstört oder beglückt – es ist die ganze Palette der menschlichen Gefühle, die in blitzartigem Wechsel in die Tanzsequenzen einfließt. «A smell from everything» mache seinen Tanzstil aus, meint Zelner, jede Situation, jeder noch so alltägliche Moment könne ihn inspirieren. Zwischendurch wird fast wie nebensächlich auch Tanztechnik eingebaut: ein Battement, eine Drehung oder ein Développé, das die Tänzerin aber mit beiden Händen ganz hoch vor ihr Gesicht zieht, um das Bein im nächsten Moment wieder fallen zu lassen. Auch Laute gesellen sich dazu, wenn Zelner archaisch wirkende, kraftvolle Gruppensequenzen inszeniert, die er – wie in «Toda» – gerne mit Schreien oder lauten Seufzern untermalt.

Den Tänzer*innen verlangt der Choreograf einiges ab: schnell, geschäftig, in ständiger Hochspannung sollen sie sein, gleichzeitig aber entspannen, atmen und sich dem Prozess vorbehaltlos hingeben, die Figuren ganz ergreifen, in ihre Wirklichkeit eintauchen. Seine Idealvorstellung sind Chamäleons, die blitzartig ihren Fokus, ihre Farbe wechseln können und sich den Umständen immer neu anpassen. Keine leichte Aufgabe für ausgebildete Bühnenprofis, die sich eventuell nicht so sehr in der rhythmischen und von schnellen Wechseln geprägten Hip-Hop-Kultur zu Hause fühlen. Tänzer und Tänzerinnen, die an anderer Stelle neoklassische Choreografien etwa von Hans van Manen oder Jiří Kylián und natürlich auch den zeitgenössisch-klassischen Stil eines Marco Goecke tanzen, der das Staatsballett Hannover seit einem Jahr leitet.

Das gesamte Porträt von Renate Killmann lesen Sie in tanz 11/21