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Die Stimme als Kollegin

Der Tenor Benjamin Bernheim

Wie war überhaupt Ihre Naturstimme? Ein hoher Tenor? Um welche Töne mussten Sie kämpfen?
Es wird da oft einiges vermischt. Ich habe von Natur aus eine relativ klare, helle Stimme und musste trotzdem um die hohen Töne kämpfen. Ich fühlte mich in der Baritonlage am wohlsten. Doch je mehr ich die Gesangsmuskeln trainierte, desto besser wurde es – gerade weil das Timbre auf einen Tenor hindeutete. Ich hatte nie eine dunkle Stimme. Aber mit der Zeit lernte ich, mit Farben zu spielen, auch mit dunkleren. Wobei ich immer darauf achte, schlank zu singen.

Wie schwierig war es für Sie, Ihre eigene Stimme zu finden?
Es war für mich schwierig, meine Stimme zu akzeptieren. Ich bin immer noch nicht ihr größter Fan. Erst als ich alles aus der Distanz betrachten konnte, wurde es besser. Ich kenne viele Sängerinnen und Sänger, die ihre Stimme lieben – das geht mir nicht so. Ich nehme, was meinen Tenor betrifft, eine sehr kritische, distanzierte Position ein. Er ist ein externes Instrument, kein wunderbarer Teil von mir selbst. Ich sehe meine Stimme mittlerweile als eine Art Arbeitskollegin.

Sie haben keinen Hehl daraus gemacht, dass Sie Krisen überwinden mussten. Was lief falsch?
Es drehte sich dabei nicht nur um die Stimme. Ich merkte, dass es ein vokales Potenzial gibt für Größeres, aber ich wusste nicht, wie ich dorthin kommen sollte. Die Krise wurde ausgelöst, weil ich mir sagte: Lieber mache ich etwas anderes, als ständig um meine Stimme zu kämpfen. Ich hatte auch Probleme mit dem Opernmarkt. Es war schwierig, die politischen Spielchen zu akzeptieren und Teil davon zu sein. Ich habe also zweimal mit dem Singen aufgehört. Einmal für acht Monate, beim zweiten Mal für sechs. In der zweiten Phase war ich 26. Und mir wurde klar, dass ich mehr Verantwortung für meine Stimme übernehmen muss. Ich fasste also irgendwann den Entschluss: Du kämpfst! Auch, weil ich nicht mehr mit einem Gesangslehrer arbeitete, sondern während meiner Zeit in Zürich auf mich allein gestellt war. Meine Ratgeber meinten damals, ich solle alles neu starten und technisch vieles anders aufbauen. Ich entgegnete ihnen: «Dafür habe ich keine Zeit, ich bin Ensemblemitglied. Morgen ist Narraboth in ‹Salome›, nächste Woche ist ‹Lady Macbeth von Mzensk›». Also musste ich eigene Lösungen finden. Und es klappte.

Das gesamte Interview von Markus Thiel lesen Sie in Opernwelt 11/21