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Schweigen und Schreien

Vor 10 Jahren starb Christoph Schlingensief

Als Schlingensief 2004 in Bayreuth «Parsifal» inszenierte, da mochte mancher schon meinen: Der dahinsiechende Amfortas, der weder leben kann, noch sterben darf, sei womöglich eine Art Alter-Ego-Projektion parallel zur eigenen «Passion», wenn nicht sogar vorweggenommenes Requiem auf sich selbst. Natürlich war der Multi-Artist auch ein begnadeter Selbstdarsteller, darüber hinaus respektlos wortmächtig-witziger Interpret des eigenen Denkens und Tuns.

Nun hat sich der Glücksfall ergeben, dass zehn Jahre nach seinem Tod gleich zwei höchst heterogene Dokumentationen erschienen sind, die beide, zumal in den ihm eigenen Medienwelten, ein packend vielschichtiges Porträt des Künstlers eröffnen: einmal audio-visuell, einmal als Print-Veröffentlichung. Der verstörerische Aktionskünstler hat sich gleichermaßen als Film- und Videomacher wie als politisch-sozial agierender Arrangeur verstanden. Ihn ins Kino zu bringen, lag nahe. Der Regisseurin Bettina Böhler ist ein fabelhaftes Filmporträt gelungen: «in das schweigen hineinschreien». Schon der Titel verweist auf ein Doppeltes: eine erstarrte Gesellschaft, voller Konventionen und Rituale, nicht zuletzt der «schweigenden Mehrheit», und das quasi kreatürliche Entsetzen, der ungeschönte Schmerzenslaut.

Entstanden ist keineswegs ein Spielfilm mit entsprechenden Überhöhungen, sondern ein zweistündiger Zusammenschnitt aus Originalmaterial, beginnend mit frühen Aufnahmen einer offenkundig behüteten Kindheit des Apothekersohns aus Oberhausen, das ihm «Heimat» geblieben ist. Ein Schlüsselerlebnis ist festgehalten. Der Vater hatte einen Urlaubsfilm zufällig doppelt belichtet: «Meine Mutter und ich lagen am Strand ... und da liefen uns plötzlich Leute übern Bauch.» Der Junge begriff, wie vielschichtig, eben Projektion, Wirklichkeit sein kann.

Den vollständigen Beitrag von Gerhard R. Koch lesen Sie in Opernwelt 11/2020