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Liebe und Manipulation

Die neue Wiener Volksopern-Intendantin Lotte de Beer spricht Klartext

Wie steht es um die Macht? Besitzen Regisseure sie? Sollten sie diese besitzen?
Man muss das benutzen, was man hat. Und bei mir funktioniert Macht als Prinzip nicht. Das heißt, Macht ist für mich nur dann konstitutiv, wenn der Mächtigste der größte Diener ist. Ich selbst kann meine Arbeit nur mit Liebe tun. Und das kostet mich Mühe. Wenn ein Regisseur als Tyrann auftritt, werden die Sängerdarsteller garantiert einen Schritt schneller laufen. Aber der Vorteil ist begrenzt: Man wird nur das tun, was der mächtige Regisseur anordnet, aber man wird nicht einen Schritt mehr wagen als unbedingt nötig. Es fehlt die Kreativität. Investiert man hingegen in die Liebe zum Stück, zur Idee, zu den anderen Künstlern, dann wird das künstlerische Ergebnis garantiert besser. Deshalb will ich diejenigen lieben und respektieren, mit denen ich zusammenarbeite. Und wenn eine Idee nicht funktioniert, will ich gemeinsam mit ihnen eine andere, bessere suchen. Das Problem ist nur: Man stößt innerhalb dieser starren Opernstruktur mit seinem Liebeskonzept sehr häufig auf unüberwindbare Grenzen. Das ist wie eine meterhohe Wand.

Zum Beispiel, wenn der Startenor nicht gewillt ist, sich auf das Regiekonzept einzulassen?
Nein, das ist kein Problem. Als Frau weiß ich, wie ich sein Ego streicheln muss, um von ihm das zu kriegen, was ich will.

Das heißt, inszenierende Frauen haben es in dieser Hinsicht leichter?
Natürlich. Die Kunst der Manipulation beherrschen wir besser (lacht). Wenn ich den Sänger bitte, nach rechts zu gehen, und er erwidert, er ginge lieber nach links, dann erkläre ich ihm erst einmal, wie toll er die Szene gespielt hat. Ich sage zu ihm: «Wie du nach links gegangen bist, das fand ich sublim. Aber was ich am besten fand, war deine Neigung, nach rechts zu gehen.» Und siehe da: Er frisst mir aus der Hand (lacht) …

Regie führen ist also auch eine Form der psychologischen Täuschungsmanöver und diskreten Insinuationen?
Ganz sicher ist es das. Aber nicht immer. Allzu oft benötigt man diese Mittel nicht. Und ich persönlich arbeite ohnehin lieber mit emanzipierten Sängern, aber wenn ich es mit riesigen Egos zu tun habe, muss ich solche Tricks manchmal anwenden, um zum gewünschten Resultat zu gelangen. Was mich dabei am meisten stört, ist, wenn ich merke, dass beispielsweise Chöre, die über Jahrzehnte hinweg schlecht behandelt wurden, deshalb einen geradezu granitenen Zynismus entwickelt haben. Daran verzweifele ich manchmal.

Das vollständige Gespräch mit Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 11/2020