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«Lieben Sie Gershwin?»

Marco Goecke choreographiert im Theaterhaus Stuttgart

Im April saß Eric Gauthier wie alle anderen Kompaniechefs mit seinem Ensemble im Lockdown: Hausarrest auf unabsehbare Zeit. Also auch keine Kreation. Derweil langweilte sich Marco Goecke, Ballettdirektor in Hannover und obendrein Artist in Residence bei Gauthier Dance, im niedersächsischen Exil kein Quäntchen weniger. Was also lag näher, als einen gemeinsamen Gesprächs- und Entwurfsfaden aufzunehmen? Allen Auflagen zum Trotz ersannen die beiden «Lieben Sie Gershwin?»: einen fantastischen Reigen aus Soli, Duetten und Trio-Auftritten, eine Reverenz an den Komponisten (1898 – 1937), der Entertainment und Konzertsaal, leichte Muse und ernste Gattung zusammendachte und Signaturstücke des 20. Jahrhunderts zu Papier brachte, die sich nicht weniger in den Gehörgängen festgesetzt haben als Charles Ives’ «Central Park in the Dark» oder Leonard Bernsteins «West Side Story». Choreografen wie George Balanchine, Jerome Robbins oder Mark Morris haben sich von Gershwin inspirieren lassen, sind dem Rhythmus und den quecksilbrigen Gedankenströmen seiner Stücke gefolgt. 

Kein Strang, an dem ein Marco Goecke weiterspinnt. So viel war von vornherein klar. Seit seinen Anfängen spielt der 48-Jährige mit der Membranspannung des menschlichen Muskelkostüms, mit energetischen Blockaden und unsichtbaren Ventilen, aus denen die angestaute Kraft an geeigneter Stelle dann doch zu entweichen scheint. Hochartifiziell, lässt sich Goeckes ästhetische Formgebung mit keinem zweiten zeitgenössischen Phänotyp vergleichen. Allenfalls Sharon Eyals choreografische Galaxie rotiert in ähnlich autonomer Weise. Wie aber harmoniert Goeckes prismatisches Tanzverfahren – ein physischer Impuls wird gebündelt, aufgesplittet und in seine schillernden Fasern zerlegt – mit dem niemals abreißenden Notenfluss aus der Feder George Gershwins?

Der Choreograf modelliert eine Gershwin-Facette, die seine Kollegen bislang mit charmantem Schrittpointillismus verdeckt haben. Die Inszenierung wirkt flächig wie ein Gemälde von Francis Bacon – und zugleich grotesk verzerrt, als habe James Ensor den Tanzpinsel geführt. Denn anders als die Vorgänger fängt Goecke jene apokalyptischen Schwingungen ein, die durch Gershwins Melodien zittern, und übersetzt sie in kinetische Gebilde. Die Auswahl der Musik wie der jeweiligen Interpreten weist die Richtung: Nicht von ungefähr intoniert ausgerechnet Janis Joplin «Summertime», deren Organ 1969 eine schrill verhauchte und schräg verrauchte Weltuntergangsarie aus dem Wiegenlied zauberte.

Den vollständigen Beitrag von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 11/2020