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Ein Wunderwerk

In memoriam Peter Brook

Der in London 1925 als Sohn jüdischer russischer Einwanderer geborene Bühnen- und Filmregisseur Peter Brook war ein fabelhafter Autodidakt. Theater, Oper und Film, das von ihm später oft beschworene künstlerische Handwerk, hatte er selbst, bevor er in allen drei Genres reüssierte, nie gelernt. Damit beginnt sein großes Lebensmärchen, das in diesem Sommer geendet hat. Brook sagte einmal: «Ich besaß nichts als meine Intuition und den Wunsch, Regie zu führen. Zuerst beim Film.»

So verlässt er mit 16 Jahren die Schule, wo er bereits ein bisschen Laientheater machte, wird vom Vater, einem wohlsituierten Geschäftsmann, erstmal für das Fach Jura auf ein Oxforder College geschickt, aber auch mit ein paar Leuten im Filmbusiness bekannt gemacht. Doch statt dort als Hospitant oder Praktikant zu beginnen, dreht der Noch-Teenager Peter B. mit seiner halbprofessionellen Kamera und irgendwie zusammengekratztem Geld in den College-Ferien mit Mitstudierenden schon seinen ersten Spielfilm «A Sentimental Journey», nach dem barocken Reiseroman von Laurence Sterne. Und startet bei Londoner Kleinbühnen mit schnell auffallenden Inszenierungen seine Theaterkarriere.

1970 inszeniert er seinen legendären «Sommernachtstraum» mit der Royal Shakespeare Company, und 1972 im Münchner Residenztheater im Rahmen des Kulturprogramms der damaligen Olympischen Spiele gastiert die Aufführung und wird sofort als ein Wunderwerk begriffen. Weil Brook mit zwei ingeniösen Grundeinfällen eines der weltweit meistgespielten Stücke buchstäblich in ein neues Licht gesetzt hat.

Tatsächlich ein weitgehend leerer, weiß ausgeschlagener Raum, in dem ein paar Schaukeln wie für ein Kinderspiel von der Decke hängen. An Seilen, mit denen auch der Spukgeist Puck sich über die Bühne schwingt in immer greller, heller Dauerbeleuchtung. Denn Brook und seine Akteure verzichten auf alle vermeintliche Romantik, auf die titelgebende Nachtatmosphäre, auf den dunklen Zauberwald als Dickicht der Triebe und grausam verwirrter Liebe. Das Schwarze, den Wahnsinn, den Alp-Traum und selbst die Sommerhitze in Shakespeares imaginärem Griechenland evozieren sie allein durch ihr Spiel. Durch die souveräne Behauptung. Brooks Interpretation zeigte so, wie nie zuvor gesehen, dass die zwei Sphären des Stücks, Realität und Traum, Sein und Schein, Verstand und Fantasy, Wahn und Wirklichkeit sich nicht bloß spiegeln, sondern einander bedingen. Eine Sommernachtstraumdeutung also auch zu Sigmunds Freude. Denn alles Denken und Lenken ist bei Licht besehen auch ein Tagtraum der Nachtwelt und vice versa.

Dem entsprach die identische Besetzung der beiden in der fiktiven Realität und daneben im mythischen Nachtwald herrschenden königlichen Paare. Beide, Oberon und Theseus sowie Titania und Hippolyta spielten Alan Howard und Sara Kestelman. Diesen dramaturgisch sofort einleuchtenden Kunstgriff haben von Brook seitdem fast alle prominenten Inszenierungen des Stücks übernommen.

Den gesamten Nachruf von Peter von Becker lesen Sie in Theater heute 10/22