Etwas Existenzielles
Ein Gespräch mit dem Tanzpreisträger Marco Goecke
Ihre Stücke sind meistens dunkel.
Finde ich nicht. Mag sein, dass das auf das Atmosphärische zutrifft. In meinen Stücken geht es ja nicht um einen Zahnarztbesuch.
Wenn ich Ihre Ballette sehe, kommt mir deshalb immer mal wieder eine Goya-Radierung in den Sinn: «Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer».
Es gibt schon dunkle, harte Stücke, aber es gibt auch welche, die recht frei sind.
Das Albtraumhafte, Depressive sehen Sie so nicht?
Kunst hat schon damit zu tun, und wenn man damit nichts anfangen kann, wenn einem das zu depressiv ist, sollte man eben Sport gucken: da ist alles berechenbar. Sobald sich aber die Theatertüren öffnen, muss ich damit rechnen, eine andere Welt zu betreten. Natürlich besteht die Gefahr, dass die Leute fallen. Aber ich weiß von vielen, die diese Arbeit tief berührt. Sie rührt etwas an, was in ihnen steckt. Was sie sich nicht unbedingt erklären können. Vielleicht ängstigt sie das. Ja, vielleicht. Aber viele Menschen wollen in diese Tiefe auch gehen, mit sich und mit anderen. Meine Stücke sind nicht mehr so absurd wie früher, aber früher war die Absurdität auch ein Lacher. Jetzt ist viel Menschlichkeit und Hoffnung drin.
Wenn man Ihre großen Stücke anschaut, den «Nussknacker» seinerzeit noch beim Stuttgarter Ballett, den «Nijinski» für Gauthier Dance, «La Strada» am Münchner Gärtnerplatztheater oder «Der Liebhaber» wie zuletzt am Staatstheater Hannover: Alle sagen doch Dunkles.
Aber gerade «Der Liebhaber» hatte insofern doch wieder etwas Positives, als er hofft, dass die Liebe nie endet. Auch «A Wilde Story», an der ich gerade arbeite, ist nicht nur dramatisch besetzt. Denn eigentlich hatte Oscar Wilde als Dandy, dem nach der Scheidung viel Geld zur Verfügung stand, ein gutes Leben – bis auf seine Homosexualität, für die er zwei Jahre lang im Knast büßen musste. Auch bei dieser Arbeit suche ich nach etwas Existenziellem. Die andere Seite des Könnens wäre der Humor: ein ganz anderes Feld, das mich allerdings sehr interessiert. Ein Feld, von dem Jiří Kylián meint, dass es vielleicht noch schwieriger zu beackern wäre.
Das gesamte Interview von Hartmut Regitz lesen Sie in tanz 10/22