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The winner is …

Die Kritikerinnen- und Kritiker-Umfrage von Opernwelt 2022

«Die Nacht vor Weihnachten» in der Oper Frankfurt, Foto: Monika Rittershaus

Aufführung, Chor und Opernhaus des Jahres

Raffiniert, spielintensiv und tiefschürfend inszeniert wurde Rimski-Korsakows «Die Nacht vor Weihnachten» in der gerade zu Ende gegangenen Saison von Christof Loy an der Oper Frankfurt. Kein Wunder, dass dieser auch musikalisch umwerfende Abend zur «Aufführung des Jahres» gekürt wurde. Ebensowenig darf es überraschen, dass der Chor der Oper Frankfurt – insbesondere für seine beeindruckende Bewältigung der geradezu himmlischen Hürden in Luigi Dallapiccolas «Ulisse» – den Titel «Chor des Jahres» einheimste. Damit sind bereits zwei Werke genannt, die bislang ein Dasein am Rande des Kanons fristeten und nun erneut die große Entdeckerfreude des Hauses bekundeten, in dem Substanz wichtiger ist als vermeintliche soziale Relevanz - die Oper Frankfurt ist zum sechsten Mal «Opernhaus des Jahres»!

Vera Lotte Boecker, Foto: Website der Künstlerin

Sängerin des Jahres

Sie hat ein Faible fürs Schwierige. Für Frauenfiguren, die nicht leicht-locker, frivol und kokett durch die Straßen tänzeln, sondern das bleierne Gewicht der Welt auf ihren Schultern spüren und es versuchen abzuschütteln. Frauen wie Verdis Violetta Valéry und Gilda, Frauen wie Fusako in Henzes Mishima-Vertonung «Das verratene Meer» oder Nadja in «Bluthaus» von Haas. Mit ihrer metallisch gefüllten, dabei luziden und stets ungemein ausdrucksstarken Stimme verleiht Vera Lotte Boecker diesen «Figuren» eine Authentizität und charismatische Würde, die sie nicht als reine Opfer der jeweiligen Geschichte(n) erscheinen lassen, sondern als weibliche Individuen, die gegen den Strom des Unheils ankämpfen, um zumindest momentweise die Schönheit zu entdecken. Vera Lotte Boecker ist die «Sängerin des Jahres».

Kirill Semjonowitsch Serebrennikov, Foto: Wikipedia

Regisseur des Jahres

Kirill Semjonowitsch Serebrennikov inszeniert seit Langem in Schauspiel, Ballett, bei Crossover-Projekten und im Performancebereich und ist dabei oft als sein eigener Bühnen- und Kostümbildner unterwegs. Er ist Drehbuchautor und Kinoregisseur, er realisiert Fernsehproduktionen und Musikvideos – und ist zugleich das genaue Gegenteil eines Monomanen oder gar Berserkers. Ein Universalist der darstellenden Künste, der nun zum «Regisseur des Jahres» gekürt wurde.

Kirill Petrenko, Foto : Berliner Philharmoniker

Dirigent des Jahres

Kirill Petrenko ist kein Zauberer, er ist Dirigent. Als solcher verknüpft er die gute alte russische Schule eines Jewgeni Mrawinski mit den Errungenschaften, die aus der schillernden Berliner-Philharmoniker-Linie Bülow – Furtwängler – Karajan hervorgehen. Petrenko hinterfragt Pathos und Klischee, scheut die Kulinarik, strukturiert minutiös die klanglichen Vorgänge, motiviert Höhepunkte aus der innermusikalischen Entwicklung, nie je aus vordergründig theatralen Überlegungen, kurzum: Analyse und auratische Durchdringung verbinden sich bei ihm aufs Glücklichste.

«Sleepless» an der Staatsoper Berlin, Foto: Gianmarco Bresadola

Uraufführungen des Jahres

Eines eint «Sleepless» von Peter Eötvös, uraufgeführt an der Staatsoper Berlin, und das am Opernhaus Zürich aus der Taufe gehobene «Girl with a Pearl Earring» von Stefan Wirth: Beide Bühnenwerke, gleichrangig zur «Uraufführung des Jahres» gekürt, zählen genuin zur Gattung der Literaturoper; und da wie dort spielt die Bildsprache eine (wenngleich unterschiedlich gewichtete) Rolle. In «Sleepless»geht es um die vergebliche Suche nicht nur nach einer Herberge, sondern vor allem nach dem kleinen Glück. In Wirths Opus, das im Untertitel «Three Movements» heißt, zeichnet der Komponist die Beziehung des Delfter Malers Jan Vermeer zu seiner Dienstmagd Griet nach, jener jungen, zunamenlosen Frau, der Vermeer mit seinem Gemälde «Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge» ein beeindruckendes Denkmal setzte.

«Frédégonde» an der Oper Dortmund, Foto: Björn Hickmann

Wiederentdeckungen des Jahres

«Frédégonde» und «Fremde Erde» verdienen den Titel «Wiederentdeckung des Jahres» nicht zuletzt auch, weil sie zuvor kaum jemand kannte. Das kompliziertere Werk, 1895 in der Académie Nationale in Paris aus der Taufe gehoben und nun von der Oper Dortmund ans Licht geholt, ist «Frédégonde». Gleich drei Komponisten müssen als (Ton-)Schöpfer genannt werden: Ernest Guiraud, der kaum zwei Jahre ältere Camille Saint-Saëns sowie Paul Dukas. Sie verliehen dem Libretto von Louis Gallet jenen Duft aus Dekadentismus, Symbolismus, Impressionismus und Art noveau, der «Frédégonde» trotz des archaischen Sujets zu einem bedeutenden Werk des Fin de Siècle macht. Ganz anders Karol Rathaus’ «Fremde Erde», 1930 an der Berliner Staatsoper herausgekommen und vom Theater Osnabrück der Schublade entrissen. Ein düsteres Opus, das Schicksalswege litauischer Auswanderer mit einer sachlich-spröden Musiksprache eindringlich nachzeichnet.

Alle Gewinner:innen und die einzelnen Voten finden Sie im Jahrbuch Opernwelt