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Großes Kino

Romy Schneider als Ballett

Eine Frau schaut in den Spiegel. Sie ist nicht allein. Eine Schattengestalt schlängelt sich heran und ergreift von ihr Besitz. Halb tröstend, halb drohend. Bis sie die Oberhand gewinnt und die Frau in einen Strudel der Erinnerung zieht. In den Lebensabspann, der vor den Augen der Sterbenden ihr ganzes Schicksal und jede Station blitzartig erhellt: ehrgeizige Mutter, zudringlicher Stiefvater, Liebesaffären und das Eintauchen in die Pariser Boheme, internationaler Ruhm, Selbstmord des Ehemanns, Unfalltod des Sohns. Einsamkeit. Niemand weiß, welche Bilder Romy Schneiders letzte Atemzüge begleitet haben. Aber was Innsbrucks Ballettchef Enrique Gasa Valga daraus macht, ist großes Kino – auf dem Theater. Der inoffiziellen Uraufführung im Februar folgt nun die echte Premiere, und man muss weder die Schauspielerin noch ihre Filme kennen, um zu begreifen: Diese Geschichte erzählt von Unglück und Leid, von Hingabe, Verzückung und Erfüllung – und allem, was dazwischen liegt.

Nun ist diese «Romy Schneider» keine singuläre Erscheinung. Etliche Künstlerinnen haben unlängst ein choreografiertes Revival erlebt – mit unterschiedlichem Erfolg. So ging etwa Annabelle Lopez Ochoas «Frida» 2020 bei Het Nationale Ballett baden, weil die Malerin zur Klischeemärtyrerin verkam. Gil Harush dagegen brachte mit dem Ballet National du Rhin eine großartige, weitgehend abstrakte «Yours, Virginia»-Woolf-Adaption zustande. Cathy Marston würdigte am Royal Ballet London das tragische Los der Cellistin Jacqueline du Pré, die noch keine 30 Jahre alt war, als Multiple Sklerose bei ihr diagnostiziert wurde. Ob «The Cellist», ob «Romy Schneider»: Der Stoff, aus dem derzeit das Künstlerballett entsteht, ist weiblich.

Den gesamten Beitrag von Dorion Weickmann lesen Sie in tanz 10/21