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Streamen im Dunkeln?

Ein Gespräch mit dem Regisseur Alexander Giesche

Spielt das Publikum gerade noch eine Rolle?
Ich weiß nicht, ob ich je nur fürs Publikum Theater gemacht habe. Das ist doch Quatsch ...

Ich höre Diskussionen von Theatern, die lieber alles selber machen würden, auch die Kritik. In der Art von: Wir bestimmen, was läuft, aber nun als Kollektiv, und deshalb brauchen wir weder Kritik noch Publikum.
(lacht) Falls Sie damit auf uns am Schauspielhaus Zürich anspielen ...

Nein.
... das ist schwierig zu beurteilen, weil wir gerade erst angefangen hatten, als die Pandemie kam. Ob das Publikum wieder kommt, ist momentan kaum abzuschätzen. Im Moment ist der Auslastungswahnsinn unterbrochen, das stimmt. Vielleicht merkt man endlich, dass die Auslastung nicht alles ist. Es geht ja auch um die Leute, die hier arbeiten, ob die sich die Stadt noch leisten können zum Beispiel. Meine alten Freund:innen, die ich aus dem Studium kenne und von denen manche nach Zürich zogen, leben heute in Basel. Zürich ist zu Ende poliert.

High End ist das, was sich im Streamingbereich auch im Theater durchgesetzt hat. Denn was gut funktioniert, braucht viel Technik, Knowhow, Geld. High End eben. Und nicht Empowerment von unten. Das hat sich deutlich gezeigt in der Pandemie, oder?
Richtig, aber das ließ sich schon vor Corona beschreiben. Wer mit Coldplay-Konzerten groß wurde, dachte irgendwann, alles muss so geschliffen und so groß klingen wie Coldplay. Für die Sehgewohnheiten gilt das genauso: Die waren schon vor der Pandemie High End. Beim Film «Titanic» vor zwanzig Jahren haben wir uns noch alle gefragt: Wie haben die das gemacht? Das ist heute keine Frage mehr, es geht nur noch darum, wie viel Geld man gewillt ist zu investieren. Als Theatermacher kann und will ich nicht mit Netflix konkurrieren. Und wenn ich hybrid arbeiten soll, also so, dass es auf der Bühne genauso gut wie im Internet funktioniert, dann arbeite ich doppelt so lange und mache zwei Abende. «Afterhour» sollte erst in kompletter Dunkelheit spielen, was schlussendlich nicht ausführbar war. Die Dunkelheit fand ich auch deshalb so bestechend, weil so niemand auf die Idee kam, zu fragen, ob man das streamen könne. (lacht)

Das gesamte Interview von Tobi Müller lesen Sie in Theater heute 10/21