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Sinn und Sinnlichkeit

Die Sängerin des Jahres Marlis Petersen

Zum vierten Mal – nach 2004, 2010 und 2015 – ist Marlis Petersen in der Umfrage der «Opernwelt» zur «Sängerin des Jahres» gekürt worden. Das ist einmalig, unvergleichlich, rekordverdächtig, und es ist vor allem außergewöhnlich in einem Betrieb, der nach Sensationen giert und seine Stars und Sternchen im Minutentakt auf die Bühnen der Welt entsendet. Die Sopranistin, Kind Hamburger Eltern, aber im Ländle aufgewachsen (was man ihrem charmant schwäbisch getünchten Singsang nach wie vor anhört), passt in diese Kategorien nicht hinein. Sie war nie ein Star, und noch weniger ein Sternchen. Sie war stets eine Sängerdarstellerin, der es in erster Linie darum ging, ihre Rollen mit Sinn und Sinnlichkeit auszustatten – und mit jenem Hauch von Magie und betörender Weltfremdheit, die es auf der Bühne braucht, damit Zauber erst entsteht.

Sie konzentriert sich auf die Figuren, die sich für sie interessierten und für die sie sich interessierte, Frauen, denen sie sich – mit Ausnahme der Marietta vielleicht, deren Ambivalenz aus zappelphilippigem Hippie-Girl und brodelndem sinnlichen Vulkan sie mit betörender Authentizität auf die Bühne wuppt – nicht persönlich nahe fühlt, deren Leiden sie aber versteht. Legendär ihre Lulu, eine Rolle, die sie zwischen 1996 und 2018 gleich zehn Mal mit Temperament, Tragik und Traurigkeit füllte, erstmals am Staatstheater Nürnberg verkörperte, Regie führte weiland Annegret Ritzel. Für zwei Lulu-Interpretationen, in der Spielzeit 2003/04 in Hamburg und 2015 München, heimste sie den Titel «Sängerin des Jahres» ein. Beide Male profitierte sie nicht nur von ihrer eigenen immensen (natürlichen) Ausstrahlung, sondern darüber hinaus von kongenialen Regie-Konzepten; an der Elbe war es Peter Konwitschny, den sie bis heute zu den großen Meistern der Zunft zählt, an der Isar, elf Jahre später, an der Bayerischen Staatsoper, führte Dmitri Tcherniakov der Partie neue Farben zu, die sie auf der Bühne zu einem gleichermaßen erotischen wie erschütternden Porträt zusammenmischte.

Das gesamte Porträt von Jürgen Otten lesen Sie im Jahrbuch Opernwelt