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Magie des organischen Sounds

Der Sänger des Jahres Jakub Józef Orliński

Er ist (nach David Daniels 1998) erst der zweite Countertenor, der zum «Sänger des Jahres» gewählt wurde – und zugleich der Einzige, der sowohl Gesangs- als auch Breakdance-Wettbewerbe gewonnen hat.

Obwohl er mit seinem Pianisten gern mal Ausflüge ins polnische und deutsche Kunstlied oder zum französischen Chanson unternimmt, hat Jakub Józef Orliński auf der Bühne bislang fast ausschließlich Partien in Opern Händels gesungen. Es ist die Musik der Kastraten, deren Singen ebenfalls aus Skills bestand und aus Tricks, die es zu beherrschen galt wie die auf dem Skateboard. Das Messa di voce zum Beispiel, jenes möglichst langsame An- und Abschwellen des Tons, das Orliński meisterhaft beherrscht. Er liebe Barockmusik, sagt er, «weil man da lernen muss, alles zu singen». Seine Stimme klingt kraftvoll und geschmeidig zugleich, weil sie sicher auf dem Atem ruht, auf dem sie sich frei bewegen und eine beachtliche dynamische Bandbreite entfalten kann. Auch für die richtige Stilistik bedarf es des Musenkusses noch nicht: Textdeutung und Diktion in unterschiedlichen Sprachen, sagt Orliński, habe er vor allem an der New Yorker Juilliard School gelernt, wo er sein Studium nach der Zeit in Warschau fortsetzte. Phrasierung und Ornamentierung barocker Musik hat er sich in Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen historischen Stilschulen angeeignet.

Heute entwirft er alle seine Verzierungen selbst, wobei er sie dem Charakter anpasst, den er in der jeweiligen Inszenierung verkörpert. Diese Beherrschung der Tricks und Skills ist die Grundlage, damit die Stimme überhaupt erst persönlich werden kann. Gerade beim Gesang in der hohen Lage sei die Gefahr groß, sagt Orliński, dass Stimme und Körper nicht wirklich zur Deckung kämen. «Mein Ziel war immer, dass meine Stimme organisch zu mir passt. Ich wollte, dass mein Sound mein Sound ist.» Also arbeitete er besonders an der Verblendung der Register, an der Mischung der Kopfstimme mit seiner bassbaritonalen Naturstimme, was sich in der kraftvollen Mittellage der Stimme niederschlägt.

Das gesamte Porträt von Michael Stallknecht lesen Sie im Jahrbuch Opernwelt