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Bayreuther Bibelexegese

Tobias Kratzer über seine «Tannhäuser»-Inszenierung

Ist es Segen oder Fluch, dass sich die Regie dort immer wieder dieselben zehn Werke vornehmen muss?
Ich habe zweimal in meinem Leben «Das Liebesverbot» gesehen und würde dies ungern ein drittes Mal tun. Aber im Ernst: Beim «Tannhäuser» hatte ich das Gefühl, dass er an diesem Ort rezeptionstechnisch noch nicht ausgeschöpft ist. Abgesehen davon, ist die Konzentration auf zehn Stücke schon das Alleinstellungsmerkmal des Festivals. Alle sieben bis neun Jahre gibt es eine neue Selbstverständigung mit dem Publikum, nicht nur über das jeweilige Werk, sondern anhand des Werks über die Zeit, in der wir leben – und das funktioniert nur mit einem festen Kanon. Es ist vielleicht ein bisschen wie bei den Büchern der Bibel, die immer wieder neu ausgelegt werden, was seit 2000 Jahren funktioniert – auch wenn ich Wagner längst nicht so hoch hängen will. Wenn man dies alles nun aus der Draufsicht und retrospektiv betrachtet, hat das gerade in seiner Geschichtlichkeit eine ungeheure Kraft. Wenn man selbst drinsteckt, gibt es natürlich das Problem, das man sich gerade bei prominenten Vorgängerinszenierungen erst freischwimmen muss. Beim «Tannhäuser» war das eher nicht der Fall. Der «Parsifal» wäre eine völlig andere Ausgangssituation gewesen.

 

Es gibt die Meinung, dass die jetzige Krise neue Denkräume eröffnet. Auch Bayreuth könnte sich dadurch neu definieren.
Ich möchte ja auch keine Verpanzerung, keine traditionalistische Hardcore-Haltung. Dem Regisseur verbietet Bayreuth zum Beispiel vertraglich, den Saal umzubauen oder das Stück zu kürzen. Also haben wir versucht, vorhandene Lücken zu nutzen und auszureizen, so weit das geht. Deshalb auch die stummen Rollen und die Pausen-Performance von Le Gateau Chocolat. Allein, dass zwei neue Akteure auf dem Besetzungszettel erschienen, der gefühlt ewig konstant war, bedeutete eine kleine Revolution – und überforderte, ganz nebenbei, erst mal auch das Rollen-Archiv auf der Website. Manchmal beginnt eine Neudefinition also schon im unscheinbaren Detail. Und ganz generell: Es mag von außen vielleicht ein bisschen nerdy wirken, aber ich habe selten ein so aufgeschlossenes, intelligentes Publikum erlebt, das mit einer unglaublichen Freude und Akribie an der Dechiffrierung von Inszenierungen zugange war.

Das gesamte Interview von Markus Thiel lesen Sie im Jahrbuch Opernwelt 2020