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Arien und Autismus

Die CD des Jahres: René Jacobs plädiert für die Urfassung von «Fidelio»

Mit seiner ersten Oper hatte Beethoven den Ehrgeiz, das Unerreichbare zu erreichen. Nichts weniger als das! Es gelang ihm, weil er Beethoven war, realitätsfremd, kompromisslos und nahezu krankhaft Ich-bezogen. Dass er während der zweijährigen Kompositionsarbeit sogar teilweise im Theater an der Wien, dem Ort der Uraufführung, wohnte, deutet auf eine quasi autistische Abkapselung von der Umwelt, um sich ausschließlich mit der eigenen Fantasie beschäftigen zu können. Eine «große» Oper wollte er schreiben, auf ein selbst gewähltes Libretto, das er hundertprozentig nachempfinden konnte. Nicht etwa ein «elendiges Machwerk», wie er Da Pontes «Così fan tutte» nannte, über eine leichtsinnige Frau: Fiordiligi! Um Himmels Willen, bloß nicht! Da sagte ihm Joseph Sonnleithners getreue Nachdichtung einer französischen Opéra comique über eine sittlich vorbildhafte Frau, Leonore, unvergleichlich mehr zu, war er doch noch immer dabei, SEINE Leonore zu suchen. Unerreicht und heroisch wie diese Leonore sollte auch seine Musik sein: eine bis dahin unerhörte Zusammenfassung aller bekannten Opernstile – Buffa wie Seria, lyrisch wie deklamatorisch, deutsch wie französisch und italienisch – und musikalischen Formen (Sonatensatz, Rondo, Strophenform). Wie die Vorlage sollte die neue Oper ein Singspiel sein (wie die Opéra comique auf Deutsch hieß), eine Oper mit gesprochenen Dialogen und Musiknummern der verschiedensten Art: Lieder waren dabei, Arien, kontemplative wie Aktions-Ensembles, ein Kanon und sogar ein Melodram (Orchesterstück mit Sprechtext).

Beethovens Erwartungen wurden furchtbar enttäuscht. Acht Jahre zuvor war erstmals sein Gehörleiden aufgetreten und er muss das Fiasko der ersten Aufführung als einen weiteren harten Schicksalsschlag empfunden haben. Die entmutigenden Kritiken über die «Längen» des Stückes und das Unbehagen darüber, dass es viel zu lange dauert, bis die Hauptfiguren erscheinen – Pizarro erst im zweiten und Florestan erst im dritten Akt –, bezeugen nur, dass die «Experten» von Beethovens und Sonnleithners Konzept einer Stilvermischung zwischen Buffa-, Semiseria- und Seria-Elementen nicht viel hielten.

Den gesamten Beitrag von René Jacobs lesen Sie im Jahrbuch Opernwelt