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Les Ballets Suédois

Die vergessene Konkurrenz von Sergej Diaghilews Ballets Russes

Diaghilews Ballets Russes elektrisierten die internationale Kunstwelt, allerorten schrieb und sprach man über sie. Ausläufer dieser Wellen erreichten auch Schweden, obwohl die Truppe nie in Skandinavien gastierte. Das Königlich Schwedische Ballett in Stockholm verfügte zwar über eine gute schulische Ausbildung; doch wie an den meisten anderen europäischen Opernhäusern fehlte es an einem aussagekräftigen Repertoire. Reine Ballettabende waren eine Rarität – bis ein «Feuervogel» am Kunsthimmel erschien: Diaghilews Star-Choreograf Mikhail Fokine, der – dank eines Zerwürfnisses mit dem Impresario, der seinen Schützling Vaslav Nijinsky als Choreograf etablieren wollte – der Kompanie in der Saison 1913/14 als Gast zur Verfügung stand. Fokine befeuerte die Kompanie mit neuen künstlerischen Impulsen und öffnete das Publikum für ungewohnte Tanz-Perspektiven. Ermutigt durch den Stockholmer Erfolg, sann Fokine auf Rache an Diaghilew und wollte mit schwedischen Tänzerinnen und Tänzern eine konkurrierende Gastspiel-Truppe – dezidiert schwedischer Prägung – gründen. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs vereitelte diese Pläne, das Projekt verlief bis auf Weiteres im Sand. Als der Choreograf Stockholm den Rücken kehrte, mussten seine Tänzerinnen und Tänzer wieder zu ihrem glanzlosen Repertoire zurückkehren.

In einigen von ihnen jedoch glomm das einmal entfachte Feuer weiter. So auch in dem jungen Jean Börlin (1893 – 1930), den Fokine auserwählt und privat unterrichtet hatte. Börlin hatte choreografische Ambitionen und versuchte kleinere Tanzprogramme zusammenzustellen, um mit einigen seiner Kollegen durch Schweden zu touren. Kriegsbedingt waren die Erfolgsaussichten freilich getrübt, und man fragt sich, was wohl aus seinem Talent geworden wäre, hätte er nicht die Bekanntschaft eines jungen schwedischen Aristokraten gemacht, welcher eine exquisite Sammlung moderner Kunst im Allgemeinen und kubistischer Werke im Besonderen unterhielt: Dieser reiche Kunstliebhaber hieß Rolf de Maré (1888 – 1964) – und interessierte sich auch für Tanz. Er protegierte den jungen Tänzer und aufstrebenden Choreografen, und dank seiner Unterstützung wagte Börlin 1918 einen wegweisenden Schritt: Er verließ die Londoner Royal Opera, um sich einer Solo-Karriere und dem Kreieren von Balletten zu widmen. Dank de Maré konnte er es sich leisten, Privatunterricht bei Fokine zu nehmen, der sich inzwischen vor den Toren Kopenhagens niedergelassen hatte. Wir wissen, dass Fokine und seine Frau Ende April 1918 gemeinsam mit Börlin in de Marés Villa in Südschweden zu Gast waren. Natürlich diskutierte man dort auch über den früheren Plan, eine schwedische Ballettkompanie zu gründen.

Den gesamten Beitrag von Erik Näslund lesen Sie in tanz 10/2020