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Komödiantisches Downing-Street-Drama

James Grahams «This House»

Nach ersten Erfolgen am kleinen Londoner Finborough Theatre und regionalen Bühnen hatte James Graham 2012 seinen Durchbruch am National Theatre mit einem Stück, von dem man denken würde, so ein Kritiker, dass es absolut kein Publikum findet: ein Drei-Stunden-Epos über die Labour-Minderheitsregierung unter Premierminister James Callaghan 1974–1979, geschrieben von jemandem, der zur Zeit dieses politischen Tauziehens noch nicht mal geboren war. De facto war «This House» ein solcher Treffer, dass es von der kleinsten NT-Bühne im Triumph auf die größte umzog, einen Olivier Award gewann, im West End lief und durch ganz England tourte. In der Originalproduktion saß das Publikum links und rechts auf grünen Regierungs- und Oppositionsbänken in einem Bühnenbild, das dem englischen Parlament so nah wie möglich nachempfunden war.

Als Ausgangspunkt nahm Graham die schräge Anekdote, dass ein Misstrauensvotum 1979 das Ende der Callaghan-Regierung – und damit den Beginn der Thatcher-Ära – einläutete, weil ein todkranker Parlamentarier es nicht zur Abstimmung schaffte. «Ich wusste, ich hatte das Ende der Story», sagt er. «Ich fand es unfassbar, dass es dazu kommen kann, dass die körperliche Anwesenheit eines Mannes eine Regierung rettet oder kippt.»

Für den Vorlauf, der zu diesem Moment führte, recherchierte Graham über ein Jahr, sprach mit Beteiligten, mit Verfassungsexperten, las Biografien, sammelte Fakten. Das Ergebnis ist ein Abend, der, bei allen großartigen Komödien-Momenten und unglaublichen (aber historisch korrekten) Details, komplexe Figuren auf beiden Seiten der Kammer zeichnet. Und jetzt beim NT-Lockdown-Streaming – während eines Brexit-Verhandlungspatts und neuer Tiefen im Downing-Street-Theater – so relevant scheint wie zur Premiere 2012. Graham sagt, auch wenn «This House» eine besonders chaotische Periode in den Houses of Parliament nachvollzieht, gehe es in der Essenz doch darum, wie die britische Demokratie in der Krise funktioniere: Sowohl 1979 als auch jetzt sei eine Idee gestorben. Damals der Nachkriegskonsens, dass Sozialismus und freie Marktwirtschaft Seite an Seite miteinander konkurrieren können – diesen Konsens ersetzte die Folgeregierung Thatcher durch Neoliberalismus pur. Heute sei es die britische Frage, wer man sei und wohin man gehören wolle. «Ich glaube, das Schmierenkomödien-Chaos in ‹This House› steht für die Verwirrung von Menschen an einem Wendepunkt. Eine Hand lässt den alten Ast los, aber die andere hat noch keinen Halt am nächsten gefunden. So benehmen wir uns und behandeln einander, wenn wir glauben, wir sind kurz davor zu fallen.»

Das gesamte Porträt von Patricia Benecke lesen Sie in Theater heute 10/2020