Inhalt

Subversiver Poet

Raymund Hoghe bekommt den Tanzpreis 2020

Sanft und still erreicht Hoghe, was nur ganz Wenigen gelingt: Er erweitert unsere Begriffe von Tanz. Mit Stringenz und Beharrlichkeit nimmt er ästhetisches Neuland in Besitz und gibt nicht einen Meter davon wieder her. Natürlich eckte er damit oft genug an, fühlte sich unverstanden und zurückgewiesen. Aber Pina Bausch gab ihm Kraft. «Meine Zeit bei Pina war die der ganz starken Tänzerpersönlichkeiten, und sie sagte immer wieder, wie sehr sie deren Unterschiedlichkeit liebe, von groß bis klein, von dick bis dünn. Wie sie die alle annahm, hat mich letztendlich ermutigt, selbst auf die Bühne zu gehen», erinnerte sich Hoghe 2009, kurz nach Bauschs Tod.

Hoghe ist ein subversiver Poet, ein sanfter Widerständler, der seine Fragilität zur Entschleunigung unserer Welt einsetzt. In seinen Stücken entfalten sich Zeremonien, die dem Zuschauer Fenster zu sich selbst öffnen. Seine minimalistischen Bühnenlandschaften entwickelt er mit Luca Giacomo Schulte, der ihm als Szenograf und künstlerischer Mitarbeiter seit seinen ersten Stücken zur Seite steht. So entstehen Porträts aus Gesten und Posen, im Geist seines Essays «Kontaktversuche», in dem er Pier Paolo Pasolini als Zeichner von Porträts und Selbstporträts nachspürt. «Eines der großen Callas-Porträts zeichnet Pasolini mit weißem Kalk, entwirft das Bild einer makellosen Schönheit, unantastbar und – vergänglich», schreibt er da. Es ist ein Bild wie aus einem der Butoh-Stücke von Sankai Juku, die Hoghe so verehrt. Doch es gibt noch einen anderen Butoh-Pionier, mit dem sich der Düsseldorfer Choreograf gut hätte verstehen können. Tatsumi Hijikata (1928 – 1986) sagte einst, ein perfekt gebauter Balletttänzer sei im Grunde ein Behinderter, denn sein schöner Körper habe auf der Bühne nichts zu erzählen. Raimund Hoghe wird, hoffentlich, seiner Sammlung aus Tanz-Geschichten noch viele weitere hinzufügen.

Das gesamte Porträt von Thomas Hahn lesen Sie in tanz 10/2020