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Eine Form der Rebellion

Samouil Stoyanov, Schauspieler des Jahres 2022

Samouil Stoyanov war drei Monate alt, als er mit seinen Eltern von Sofia nach Linz übersiedelte. Sein Vater, Iassen Stoyanov, war als Balletttänzer am Linzer Landestheater engagiert. Nach der aktiven Karriere eröffnete er in einem alten Kino die Ballettschule Maestro, wo die Familie auch wohnte; Samouils Zimmer befand sich im ehemaligen Vorführraum. «Nebenan im Saal war jeden Freitag Salsa-Abend. Ich musste um zwölf ins Bett, die Party ging aber bis drei in der Früh weiter. Das war meine Einschlafmusik.» Er musste überall mit anpacken, fuhr bei den Aufführungen Licht und Ton, übernahm Putzdienste. Und natürlich hat er, ganz automatisch, tanzen gelernt. Was er so alles draufhat? «Salsa, Bachata, Merengue, Jazz, Ballett, Modern, Steppen, Flamenco, HipHop.»

Das Problem war, dass derartige Qualifikationen bei seinen Alterskollegen wenig Anerkennung fanden, im Gegenteil: In der Schule wurde Stoyanov gemobbt. «Und dann bin ich fett geworden.» Er sagt das, als wäre es eine bewusste Entscheidung gewesen. Und auch wenn es das wahrscheinlich nicht war, muss man in Stoyanovs Gewichtszunahme eine Form von Rebellion sehen: gegen die Mitschüler, gegen die Eltern, gegen eine Karriere als Tänzer.

Stoyanov begann, Schlagzeug zu spielen und besuchte ein Oberstufenrealgymnasium mit Pop-Schwerpunkt, zu seinen Klassenkameraden gehörten zwei heutige Mitglieder der Band «Bilderbuch». Bis zur Matura aber hat er es weder dort noch an einer der anderen Schulen geschafft, die er besuchte. Er riss von daheim aus, war Punk («Ich hatte auch eine Ratte, Mr. Jingles») und Spendenkeiler für Amnesty International. Das sind diese lästigen Typen, die Passanten zu einer monatlich abgebuchten Spende überreden wollen. «Du sprichst ein paar Tausend Leute am Tag an, 80 davon reden mit dir – und im Schnitt unterschreiben drei bis fünf einen Vertrag. Da kriegt man ein Gefühl dafür, wie Gesellschaft funktioniert.» Stoyanov war sehr erfolgreich, schaffte meist sieben oder acht Abschlüsse am Tag. «Mit der Zeit findest du heraus, wer ‹dein› Typus ist. Ich hab mich auf Bauarbeiter spezialisiert, und auf Frauen zwischen 25 und 50.»

Man lernt in dem Job viel über Menschen und Kommunikation. Für einen angehenden Schauspieler war das Spendenkeilen also sicher keine schlechte Schule. Bloß war Samouil Stoyanov damals kein angehender Schauspieler, sondern ein ziemlich orientierungsloser junger Mann, der viel kiffte und nicht so recht wusste, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Seine Mutter hatte dann die Idee, es doch mal am Reinhardt-Seminar zu versuchen. Stoyanov ließ sich schon deshalb darauf ein, weil er nicht wirklich eine Alternative sah. «Ohne Matura gibt es nicht so viele Optionen. Und auf eine Lehre hatte ich auch keine Lust.» Bei der Aufnahmeprüfung am Reinhardt-Seminar war er die Nummer 465, das weiß er noch. Er wurde aufgenommen. «Und dann hat für mich ein vollkommen neues Leben angefangen.»

Das gesamte Porträt von Wolfgang Kralicek lesen Sie im Jahrbuch Theater heute 2022