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Rhythmus der Algorithmen

Tanz und Virtual Reality

Der in Bremen arbeitende Choreograf Helge Letonja hat für seine Kompanie Of Curious Nature das Projekt «Digital Motions» entwickelt, in Zusammenarbeit mit den Digitaltheaterspezialisten CyberRäuber. «Digital Motions» ist eine komplexe Virtuelle Realität: Der Zuschauer trägt eine VR-Brille und tritt so vollkommen in den digitalen Raum ein. Man begegnet Avataren, die nach den Of Curious Nature-Tänzer*innen modelliert sind, man interagiert mit ihnen, man bewegt sich mit ihnen durch den virtuellen Raum, man ist also selbst auf der Bühne und wird teilnehmender Beobachter einer auf Algorithmen aufgebauten Welt. In einem Space namens «Shift» zeichnet man mit dem Finger Linien in die Luft und strukturiert so den Raum, und wenn man den Besucher beobachtet, wie sich sein realer Körper bei dieser Verrichtung bewegt, fällt auf, dass einem die hier entstehenden Bewegungen bekannt vorkommen: Der Besucher tanzt. Er tanzt nicht professionell, natürlich nicht, aber er vollführt klare Tanzbewegungen, angeleitet von einem Gespenst. «Man wird selbst zum Tänzer», bestätigt Letonja diese Beobachtung, «initiiert durch den virtuellen Körper. Dieser virtuelle Körper mit seinen Tools ist ja nicht so schlau wie ein realer Körper – man ist fokussiert auf die Bewegung, alle anderen Einflüsse sind ausgeschaltet. Und das erzeugt eine stärkere Konzentration auf Räumlichkeiten und Konstellationen.»

So faszinierend «Digital Motions» zunächst wirkt, das Projekt hat zwei Schönheitsfehler. Auf der einen Seite ist die technische Ausstattung ein Problem, VR-Brillen sind kaum verbreitet, und wirklich ausgereift sind die wuchtigen, unbequemen Geräte auch nicht. Und: Ein Projekt wie «Digital Motions» ist wahnsinnig schwer zu realisieren. Auch Of Curious Nature und die CyberRäuber konnten den Aufwand nur stemmen, weil sie durch das Programm «tanz.digital» im Dachverband Tanz gefördert wurden, als massive Finanzspritze für digitale Arbeiten während des Corona-Lockdowns.

«Da steckt wahnsinnig viel Rechenarbeit dahinter, um umfangreiche Rohdaten in vielen Arbeitsschritten zu raffinieren», meint Letonja. «Schon alleine, wenn die Tänzer*innen in ihre Motion-Capture-Suits hineinsteigen und man die kalibriert, dann muss das oft wiederholt werden, weil in dem Budgetrahmen, mit dem wir arbeiten, die Anzüge nicht perfekt sind, die können feingliedrige Bewegungen nicht so sichtbar machen wie ein Körper. Parallel dazu gibt es Filmaufnahmen, virtuelle Räume werden gestaltet, die Avatare müssen das tun, was man ihnen sagt, es müssen Programme neu geschrieben oder bestehende Programme modifiziert werden ... Wir haben das ein wenig unterschätzt, das dauerte fast ein Jahr.» Dazu kommt, dass Programmieren nach anderen Kriterien funktioniert als Choreografieren: Eine Choreografie konkretisiert sich während des Entstehens, während ein*e Programmierer*in schon bei Arbeitsbeginn wissen will, wie das Ergebnis aussieht. Änderungen am Algorithmus während des Programmierprozesses lassen sich so nur schwer realisieren. «Wenn man zum Beispiel noch etwas am Avatar ändern will, dann muss die ganze Sequenz nochmal neu gerechnet werden, das geht ab einem bestimmten Zeitpunkt im Projekt nicht mehr.»

Den gesamten Beitrag von Falk Schreiber lesen Sie im Jahrbuch tanz 2022