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In den Spiegel schauen

Die Sängerin Okka von der Damerau

Es heißt immer, die jetzige Sängerinnen- und Sängergeneration sei anders, weil es keine Diven mehr gebe. Braucht es vielleicht doch eine Portion Diven-Bewusstsein?
Es ist schön, wenn jemandem, der bewusst keine Diva ist, natürlicher Respekt entgegengebracht wird. Man möchte auch keinen Chef vor sich haben, der nur kraft seiner Autorität regiert, anstatt sich auf seine Persönlichkeit zu stützen. Wenn ich in der Arbeit zu viel gestört werde und es nicht um die Sache geht, reagiere ich. Wenn ich mal schlechte Laune habe, dann ist das eine große dunkle Wolke. Und wenn ich wütend werde, kommt’s zum echten Gewitter. Gerade weil ich weiß, dass viele Menschen das nicht abkönnen, muss ich damit umgehen. Manchmal frage ich mich aber, wer da eigentlich auf wen Rücksicht nehmen muss und ob es tatsächlich die Solistinnen und Solisten sein müssen, die inzwischen die Befindlichkeiten jeder anderen beteiligten Person aushalten sollen. Deshalb habe ich mich übrigens mit Frank Castorf und Hans Neuenfels sofort verstanden – weil auch mal Krach sein darf um der Sache willen. Das bringt Freiheit. Wenn ich bei Castorf emotional wurde, hat er sich die Hände gerieben. Doch solche Situationen ist man im Grunde in der Oper nicht gewohnt. Alles soll immer in geordneten Bahnen ablaufen. Es wird viel persönlich genommen, aber es geht ja auch noch um Kunst – und nicht nur um richtig und falsch.

Eigentlich wissen Sängerinnen und Sänger doch, ob sie gut oder schlecht waren. Die Frage ist, wie weit man das ins Bewusstsein vordringen lässt ...
Genau. Es dreht sich immer darum, wie schwer es ist, in den Spiegel zu schauen. Und das nicht nur bei uns in der Oper. Ich bin nicht Sängerin geworden, weil ich gern bewertet werden möchte, sondern weil ich gerne singe. Dass man damit auch in der Öffentlichkeit steht und entsprechende Reaktionen erntet, war für mich erst einmal eher ein Nebeneffekt. Bitte nicht falsch verstehen: Ich liebe mein Publikum und die Situation, vor ihm singen zu dürfen. Ich habe selten das Gefühl, dass dort Menschen sitzen, die sich nicht öffnen, wenn ich sie einlade. Ich liebe es, wenn die Leute quasi mitmachen.

Das gesamte Interview von Markus Thiel lesen Sie in Opernwelt 9-10 2022

(Portrait: Simon Pauly)