Inhalt

Süße Schrecken

Mozarts «Cosí fan tutte» in Schwetzingen

Was wir sehen, spielt heute, also überall, und ist im wahrsten Sinne des Worts Theater, im schonungslos materialistischen Blick auf die Mechanik der Gefühle immer komisch und existentiell zu gleich, sodass uns das Lachen im Hals stecken bleibt. Gürbaca lässt keinen Zweifel daran, dass nicht nur die Männer mutwillig ein Abenteuer vom Zaun brechen, das sie schnell nicht mehr beherrschen, sondern auch die beiden bei ihrem ersten Auftritt gelangweilt zeichnenden Schwestern Fiordiligi und Dorabella nicht weniger durchtrieben, nicht weniger aktiv sind als ihre Verlobten. Sie alle manövrieren sich auf eine schiefe Ebene, auf der sie – zusammen mit den beiden Drahtziehern, Don Alfonso und Despina – schließlich jeden Halt verlieren. Im Einklang mit Mozarts Musik, die mit der Theatralität der Formen und Gesten spielt, zeigt und analysiert Gürbaca als Anatomin des menschlichen Herzens mit subtiler Schärfe Psychogramme traumatisierter Figuren, die sich von ihren Gefühlen, echten wie falschen, in eine ausweglose Situation treiben lassen, aus der sie keinen Ausweg mehr finden.

Am Ende sind alle verstört – Dorabella will sich die Pulsadern öffnen, Fiordiligi versucht den Geschlechtertausch im Soldatendrillich Ferrandos und auch die Zuschauer haben bei diesem Spiel längst den Boden unter den Füßen verloren. Gürbaca bricht die Affekte mit drastischem Körpereinsatz auf und übersetzt sie in Bewegung, Gestik, Mimik. Nichts lenkt von der Musik ab – keine Aktualisierung, keine überflüssige Bebilderung, keine ja doch nur unbeholfenen Sexszenen. Einziger Kommentar sind immer wieder auf das Papierhäuschen projizierte Sätze aus Heiner Müllers «Quartett» mit ihrer Lehre von der Amoralität und Asozialität der sexuellen Begierden.

Oft bezieht Gürbaca die auf der Szene anwesenden Akteure als reagierende Partner des jeweils agierenden Solisten mit ins Spiel ein, selbst eine Maskierung Ferrandos und Guglielmos erübrigt sich. Das führt zu doppelbödigen Spiegelungen, zu verfremdenden Kommentaren, die den hohen Ton der Musik konterkarieren oder die Komödiantik melancholisch unterfüttern. Bewundernswert ist dabei, neben der schlüssigen Konsequenz des Ansatzes, nicht zuletzt die spielerische Prägnanz und artistische Perfektion aller Beteiligten, die man so schnell nicht vergisst. Die Aufführung löst ein, was sie sich zu Beginn als Motto aus Müllers «Quartett» borgt: «Die Schrecken der Oper sind süß.»

Den gesamten Beitrag von Uwe Schweikert lesen Sie in Opernwelt 9-10 2022