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Zwischen Schroffheit und Raffinesse

Oksana Lyniv dirigiert in Bayreuth «Der fliegende Holländer»

Oksana Lyniv kommt auf Anhieb mit der heiklen Akustik in Bayreuth zurecht. Vor allem: Ihr gelingt das viel weiter reichende Kunststück, den «Holländer» quasi multiperspektivisch aufzufächern. Sie muss fieberhaft und mit einer überragenden Präzision der Klangvorstellung geprobt haben. Das Unfertige, Überinstrumentierte, der genialische Überdruck des Stückes wird nicht geleugnet, aber auch nicht an die Sänger weitergegeben. Energiepegel und inneres Tempo sind hoch, doch die Klangbalance bleibt gewahrt. So plastisch Lyniv den apokalyptischen Anspruch der Meeres-Musik verdeutlicht, so elegant kann sie die Begleitung zurücknehmen, idiomatisch Phrasen runden, Mittelstimmen pflegen, sensible Übergänge bauen. Die Schroffheiten des frühen Wagner und die Raffinesse des späten (der Schroffheiten hasste) sind ineinander geblendet. Ebenso Instrumentalsoli und Tutti, Bühne und Orchester.

Wann je wurde das Oboen-Solo vor Eriks Kavatine «Willst jenes Tages» so sprechend artikuliert? Wann wirkte die Fülle der Streichertremoli in ihren Facetten – keineswegs nur der Dynamik, sondern der inneren Erregung – so frisch und reichhaltig? Sentas schwer zu singende Ballade nimmt Lyniv aus dem Geiste eines Tanzes, ohne ihr die Wucht auszutreiben. Die heikle E-Dur-Kadenz im Duett des zweiten Aktes, bei der Senta und Holländer regelmäßig einbrechen, modelliert sie agogisch so raffiniert aus, das Schwierigkeiten gar nicht erst entstehen. Eine Sternstunde musikalischer und geistiger Überlegenheit. Das Festspielorchester, gewiss eng und auch streng geführt, scheint das zu spüren, zieht mit, macht das Ereignis überhaupt erst möglich.

Den gesamten Bericht von den Bayreuther Festspielen von Stephan Mösch lesen Sie in opernwelt 8/9 2021