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«Lass irre Hunde heulen»

Markus Schäfer und Tobias Koch interpretieren die «Winterreise»

Die «Winterreise»von Markus Schäfer und Tobias Koch ragt allein schon des Pianisten wegen aus der Masse der Interpretationen heraus. Bei Koch besitzt jedes Lied in Anschlag, Agogik und Deklamation vom ersten Takt an sein eigenes Gesicht und hält diese Spannung bis zum Ende durch, wozu der farbenreiche historische Flügel der Schubert-Zeit das Seine beiträgt. Wie Koch etwa den pavanenartigen Schreitrhythmus des auch von ihm «sehr langsam» genommenen Liedes «Das Wirtshaus» akzentuiert, macht einen Unterschied ums Ganze. Mit minimalen Temporückungen erfasst die zwiespältigen Gefühle, die der Friedhof in dem durch den Winter des Lebens getriebenen Wanderer weckt.

Protagonist dieses Sogs, der sich auf beklemmende Weise durch den ganzen Zyklus zieht, ist dennoch der Wanderer selbst, den der immerhin fast 60-jährige Markus Schäfer mit schlankem, biegsamem, aber kraftvollem Tenor singt. Selbst stimmliche Abnutzungserscheinungen weiß er in Ausdruck umzumünzen, sodass man der visionären Verzweiflung des Wanderers bei seinem Gang von der äußeren in die innere Obdachlosigkeit atemlos folgt. Zur einzigartigen Intensität von Schäfers Gesang und Kochs Spiel trägt auch ihr improvisatorischer, spontaner Umgang mit dem gedruckten Notentext bei, dem sie, im Sinne der Aufführungspraxis der Zeit, bewusst «ins Wort fallen» und den Hörer mit Verzierungen, Erweiterungen, Überleitungen überraschen und aufschrecken – vom improvisierten Hundegebell («Lass irre Hunde heulen») im Klavierpart des ersten Lieds bis zum geradezu unheimlich akzentuierten Vorschlag der starren Bordun-Quinten im «Leiermann». Eine kreative, offene «Winterreise», die das allzu Bekannte infrage stellt und die Ohren öffnet!

Die gesamte Rezension von Uwe Schweikert lesen Sie in Opernwelt 8/9 2021