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Angst ist kein guter Partner

Der Regisseur Immo Karaman über Theater als Schutzraum

Sind Sie als Opern-Regisseur auch therapeutisch tätig? Müssen Sie es womöglich sogar sein?
«Therapeutisch» ist ein großes Wort, ich möchte ja niemanden heilen. Allerdings ist es mir ein Bedürfnis, den Darstellerinnen und Darstellern zuvorderst ihre Angst zu nehmen und ihnen über die Produktion einen Schutzraum zu erschaffen. Ich hoffe, dass mir das über weite Strecken gelingt. Angst ist ja ein großes Thema in unserem Zusammenleben generell, aber insbesondere auch im Theater: Die Angst sich zu öffnen, abgelehnt zu werden, unter Druck zu geraten. Besonders groß die Angst, die Kontrolle über sein eigenes Können, sein Talent und dessen Potenzial zu verlieren und zu scheitern. Davon sind auch wir Regisseurinnen und Regisseure nicht ausgenommen. Und gerade, weil erlebter Druck immer Gefahr läuft, weitergegeben zu werden, beanspruche auch ich für mich und mein engstes Team, vom Theater einen großzügigen Schutzraum zur Verfügung gestellt zu bekommen. Angst ist kein guter Partner in kreativen Prozessen.

Aber können Sie als Regisseur in einem Theater so auftreten und offen bekennen, dass Sie Angst haben?
(lacht) Sagen wir es so: Dort, wo genau das möglich ist, fühle ich mich zu Hause. Ich habe schon gemerkt, dass ich sehr darauf achten muss, wo und mit wem ich es in der Arbeit zu tun habe. Manchmal passt es nicht, und damit meine ich nicht, dass immer alles auf einer einvernehmlichen, glattgebügelten Harmoniewelle stattfinden muss. Aber Vertrauen in mich und meine Arbeit ist mir extrem wichtig: Wenn ich engagiert werde, macht es für mich keinen Sinn, dass ich am selben Haus künstlerisch, methodisch oder auch persönlich dennoch kategorisch in Frage gestellt werde. Da sind manchmal ganz vordergründige Autoritätsbekundungen nötig, um klarzustellen, wer hier am Theater das Sagen hat. Aber unsere Rollen und Aufgabenbereiche sind doch bereits klar definiert, und ich habe überhaupt kein Interesse mehr, mich auf dieser Ebene artikulieren zu müssen. Als Künstler verausgabe ich mich ohnehin in jeder Produktion aufs Neue, da möchte ich inzwischen sichergehen, dass meine Energie ungebündelt in die produktive, künstlerische Arbeit fließen kann. Nur so gelingt es mir, aus genau dieser Arbeit auch erneut so viel positive Energie zu ziehen, um für das nachfolgende Engagement wieder vollgetankt dastehen zu können.

Das gesamte Interview von Jürgen Otten lesen Sie in opernwelt 8/9 2021