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Kunstfreiheit vs. Gunstfreiheit

Das Klima der Angst am deutschen Stadttheater

Dann ist da der eine, der sich zwei Stunden Zeit nimmt, «unter 3» zu sprechen. So ganz «unter 3», im politischen Journalismus das Synonym für Hintergrundinformationen, die geheim bleiben müssen, wird es dann doch nicht. Aber er will anonym bleiben. Vom Spezifischen, dass er erlebt hat, kommt er schnell zum Allgemeinen, dem System. Und benennt die Schmerzpunkte, die den Missbrauch von Macht möglich machen. Zuallererst: der Normalvertrag Bühne, unter den neben dem Ensemble auch Assistent:innen, Dramaturg:innen, Inspizient:innen, Souffleusen, Bühnenbildner:innen und Kostümbildner:innen fallen. Unter 3 nennt ihn «jenseits alles Denkbaren, 19. Jahrhundert». Neben dem Damoklesschwert, der jederzeit möglichen Nichtverlängerung eines in der Regel für ein oder zwei Jahre abgeschlossenen Arbeitsvertrags aus nicht näher zu benennenden «künstlerischen Gründen», enthält er «ganz kleine Mittel, Leute zu disziplinieren: Du bekommst deinen Drehtag oder du bekommst ihn nicht, zum Beispiel. Der/die Intendant:in ist da Alleinentscheider:in». Deshalb gehören die Leitungsmodelle, meint Unter 3, geändert zu Mehrfachspitzen, in denen mehr als eine:r für die künstlerischen Verträge zuständig ist. Es muss verbindlich Anlaufstellen und Aufsichtsräte geben, «ein Gremium mit unabhängigen Leuten, das die Kunstfreiheit mitdenkt und gleichzeitig im Auge hat, dass die Kunstfreiheit nicht nur für Intendanten gilt». Und die Kontrolle von unten muss endlich institutionalisiert werden, «die Solidarisierung in gewerkschaftlichen Zusammenhängen». Er wünscht sich auch eine Amtszeitbegrenzung, sieben Jahre z.B. Denn «alle Fehlentwicklungen beginnen, wenn Machterhalt und Erfolgverlängern dominant werden». Und die Steigerung des ökonomischen Drucks, immer mehr zu produzieren mit immer weniger Geld, befördert das Prinzip «pressen, pressen, pressen», das der NV-Bühne ermöglicht.

Dass all das ja schon lange im Gespräch ist, nennt Unter 3 «Ankündigungspolitik». Es werden Mediationen gestartet, die zu nichts führen, jedenfalls nicht zu wirkungsvollen Änderungen in der Machtstruktur. Und irgendwann, das ist seine Befürchtung, verläppert die große Welle. Verstummt der Aufschrei. Aus gutem Grund: Sich beschweren ruiniert den Ruf. «Du fällst raus, weil du nicht genug aushältst, weicheirig bist, die Leidenschaft fehlt. Den Opfern wird vorgehalten, selbst schuld zu sein – victim blaming. Und die Angst, auch woanders nicht mehr beschäftigt zu werden, wenn du deinen Namen nennst – die ist vor allem bei den Jungen konkret.»

Unter 3 wirkt desillusioniert, aber nicht hoffnungslos. Es wird sich etwas ändern, wenn wir dran bleiben: «Theater als Exerzierübung geht nicht mehr. Dieses Modell fällt aus der Zeit. Wir haben ein anderes Menschenbild. Diese machistische Struktur verblasst langsam.»

Den gesamten Beitrag von Barbara Burckhardt lesen Sie im Jahrbuch Theater heute