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Vor lauter Kacheln (k)eine Welt....

Bühnenbildnerin des Jahres: Judith Oswald, Kostümbildnerin des Jahres: Sibylle Wallum

Das Bühnenbild von Maria Stuart ist in vieler Hinsicht spektakulär. Was sollte der Raum erzählen?
Lenk Damals fing man plötzlich massiv an zu zoomen. Die damit verbundene Einsamkeit, die Figuren sind sehr bei sich; aber gleichzeitig sehr ausgestellt und ungeschützt.
Oswald Bei meiner Recherche fand ich ein Bild einer Videokonferenz vom Europa-Parlament mit Charles Michel als zentraler Zoom-Kachel in der Mitte, die anderen Politiker:innen um ihn herum. Das war eine wichtige Spur: die Zoom-Oberfläche als 3D gebaute Architektur mit einem großen Raum für Elisabeth in der Mitte und den Hofstaat als Trabanten um sie herum. Das Religiöse haben wir dann zwar rausgenommen, aber für eine Assoziationsphase habe ich auch Ikonen gefunden mit Maria in der Mitte und die Heiligen um sie herum. Plötzlich kamen überall diese Kacheln vor. Das war der Ausgangspunkt. Dann wurde es spezieller: Jeder braucht einen Raum, wie viele Figuren spielen in unserer Fassung mit, wie groß müssen die Abstände sein?
Lenk Es gab sich ständig verändernde Vorsichtsmaßnahmen, pandemiebedingt. Der Abend sollte kurz sein und mit wenig Leuten. (lacht) Oswald Alles ist in zwei Wochen entstanden, denn der Abgabetermin für die Werkstätten wäre ja der für den «Zerbrochnen Krug» gewesen.

So funktioniert Stadttheater. Und wie funktioniert das Bühnenbild für die Schauspieler?
Oswald Hinten sind überall Treppen, ein großes Treppenhaus, damit die Corona-Abstände eingehalten werden können. Es war uns wichtig, dass die Figuren niederschwellig in den Raum kommen, also ohne Extra-Auftritt mit knarrender Tür, sondern dass sie plötzlich da sein können. Dafür gibt es jeweils hinten in den einzelnen Kästen verdeckte Auftritte, die sind aber nur 60 cm breit, mehr Abstand sollte zur Rückwand nicht sein, damit die Räume fürs Auge als geschlossene Kästen funktionieren.

Wie sind die Masken entstanden? Das ist ja auch ein eher formales Element, das aber nicht formal benutzt wird.
Wallum Die Masken waren eine sehr frühe Idee, die auch mit Corona zu tun hatte. Wie kann man die Räume bespielen? Dürfen mehrere Personen mit Mundschutz in einen Raum? Wollen wir Mundschutz? Da wären Masken ein Weg gewesen. Es sollten aber keine theatral gestalteten Köpfe werden, sondern wie technische Vergrößerungen funktionieren. Dann stellte sich die Frage, ob alle Masken tragen sollen, aber wir haben uns auf die beiden Königinnen Elisabeth und Maria beschränkt – quasi als Symbole für ihre Kronen und die Distanz zwischen Person und Amt.
Lenk Und in der Umkehrung auch als Bild für Intimität, wenn die Maske in der Liebesszene abgenommen wird.

Das gesamten Interview von Eva Behrendt und Franz Wille lesen Sie im Jahrbuch Theater heute