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Sicherheit oder Freiheit?

Rudolf Rach über das Theater und Corona

Als mich die Anfrage erreichte, ob mir zur Corona-Krise etwas Kulturbezogenes einfällt, dachte ich: Da kann man sich nur die Finger verbrennen. Bis die Frau meines Verlegers sagte: Sie haben nichts zu verlieren, Sie können sich aus dem Fenster hängen. Weil sie recht hat, springe ich lieber gleich vom Zug. Das Virus hat nichts mit Kunst zu tun. Genauso wenig wie der Baum, der vor dem Fenster steht. Es ist der schwarze Schwan, mit dem niemand gerechnet hat.

Unser Theater ist ein über die Jahrzehnte gewachsenes System, das in den Städten und Gemeinden bestimmt, wer hierzulande Theater spielen darf. Der Systemcharakter des deutschen Theaters ist so unantastbar wie die Würde des Menschen im Grundgesetz. Starr und monolithisch steht es da, lässt keine Konkurrenz zu und wäre eigentlich ein Fall für die Kartellbehörde. Da diese nicht einschreitet, hat sich der Apparat über die Jahre und Jahrzehnte versteift. Wie bei einem alternden Menschen, der nicht mehr gefordert ist, verengen sich die Blutbahnen, setzt sich der Kalk ab.

Entscheidender Faktor hierbei sind die städtischen Verwaltungen, für die das Theater nicht Zweck, sondern Mittel zum Zweck ist. Sie sind der eigentliche Herr im Hause, überziehen die Theater mit Vorschriften und Erlassen. Und die Politiker, die über die Subventionen entscheiden, stecken in ihren eigenen Zwangsjacken. Diejenigen, die das gewohnt sind, merken das nicht. Wie sollten sie auch, denn sie haben sich ja für dieses System entschieden. Deshalb ist nicht verwunderlich, dass der Charakter des Systems auf sie abfärbt. Ordentlich verwaltet und leicht angestaubt: So fühlte es sich an, als ich nach Jahren wieder ein deutsches Stadttheater betreten habe.

Im Gegensatz zu dem, was immer wieder behauptet wird, machen die Spielregeln des deutschen Theaters schöpferischer Arbeit und kritischem Denken das Leben schwer; sie schicken den Gerechten in einen langsamen Tod – der Einzelne ist dagegen machtlos. Und Freibeuter wie Castorf bestätigen nur die Sklerose des Systems. Warum ist das so? Weil das System Sicherheit bietet. Sicherheit ist der Feind von Freiheit; und schöpferische Arbeit braucht Freiheit. Das ist das Dilemma, nicht das Virus.

Den gesamten Beitrag des Verlegers von Pina Bauch, Rudolf Rach, finden Sie im Jahrbuch tanz