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Nähe als Risikofaktor

Corona und die Digitalisierung

«Hacken», das bedeutet in der Sprache des Silicon Valley: In der analogen Welt existierende Geschäftsmodelle werden attackiert und durch digitale ersetzt, so wie es Airbnb für die Hotelbranche oder Uber fürs Taxifahren getan haben. Was das bedeuten könnte, wird nun in seiner ganzen Dimension und mit allen Sinnen wahrnehmbar. Wer es sich leisten kann, den Arbeitsplatz in die heimischen vier Wände zu verlegen, hält Arbeitstreffen über Skype oder Zoom ab und holt sich das Essen mit Deliveroo oder Bringbutler ins Haus. Die obligatorische Streamingsession auf Netflix, Amazon Prime, Disney+ tritt an die Stelle des Besuchs nicht mehr nur der Kinos – sondern auch nahezu jeder Form von Abendgestaltung, die mit physischer und sozialer Berührung verbunden ist. Die Pandemie wirkt hier nicht einfach nur wie das vielfach als Vergleich bemühte Brennglas, das bereits bestehende Entwicklungen schärfer sichtbar macht – «Brandbeschleuniger» wäre in diesem Fall der treffendere Ausdruck. Mit fortschreitender Dauer macht sie den Menschen zum «Biohazard», zum Risikofaktor der Profitmaximierung, und alle ökonomischen und kulturellen Geschäftsmodelle, die auf ihn angewiesen sind, zu gefährdeten Strukturen.

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Zu lange hat das Theater, als Relikt aus der Zeit der Feudalherrschaft und mit seiner Orientierung an einem wie auch immer zu erweiternden Kanon stets neu zu interpretierender Stücke, eine Welt simuliert, die vielleicht im Verschwinden begriffen, in sich brüchig sein mag, aber dann doch die gleiche bleiben darf. Mittlerweile aber entscheiden andere Strukturen und Akteur*innen, darunter zunehmend nicht-humanoide Entitäten, Viren und Algorithmen, interpretiert durch Menschen und die durch sie geschaffenen Systeme, über Leben und Tod – die alten und großen Themen des Theaters.

Den gesamten Beitrag von Christoph Gurk finden Sie im Jahrbuch Theater heute