Rezensionen August 2023
Tschaikowsky: «Pique Dame» in Dresden
Regisseur Andreas Dresen, erklärtermaßen ein Anhänger der «inneren» Bilder und des «leeren Raums» von Peter Brook, verortet die Oper im Irgendwo. Keine Zeit, kein Ort lässt sich definieren. Mathias Fischer-Dieskau hat ihm zu diesem Zweck ein raffiniert verschachteltes Labyrinth auf die Drehbühne gesetzt, das situativ unterschiedliche Räume imaginiert, Szenen, Momente, Situationen. Die Figuren wirken darin nie zu Hause, sie wirken verloren. Einsame Herzen auf der Suche nach ihrer Bestimmung, nach einem Lichtschein, der aber nur für Sekunden durch die Dunkelheit blinzelt. So etwa, wenn Lisa und Hermann nächtens im «Haus» der Gräfin aufeinandertreffen und sich (warum auch immer) wie vom Blitz getroffen ineinander verlieben – was Vida Micnevičiūtė mit ihrem diamantenen, passioniert flackernden Sopran leidenschaftlich und Sergey Polyakov mit seinem kraftvollen, hier und da etwas forcierten Tenor eindrucksvoll beglaubigen. Zwei verzweifelte Seelen, denen die gesellschaftlich starre Ordnung und damit einhergehende Uniformierung jede Luft zum Atmen nimmt: Hermann, weil er sich ohnehin immer als (todessüchtigen) Außenseiter definiert hat, Lisa, weil sie, der Staatsräson folgend, als verkaufte Braut – zunächst in der klassisch-züchtigen Schuluniform mit rotem Faltenrock und weißer Bluse wie ihre nach dem richtigen Leben dürstenden Freundinnen, dann in einem lachsfarbenen Abendkleid – durch ihr Leben irrt; ein Leben, das im dritten Akt in einen schäbigen Koffer passt. Autark sind sie beide, und vielleicht vereinen sie sich gerade deswegen in jener Nacht, in der die «moskowitische Venus» ihr Leben aushaucht. Auch diese Gräfin, eine exaltiert-extravagante und exaltierte Grand Dame in Pinkrosagelbgrün (Kostüme: Judith Adam), der Evelyn Herlitzius unvergleichliche sängerische wie darstellerische Kontur verleiht, lebt nurmehr in der Erinnerung an glanzvolle frühere Zeiten. Dann klingt ihr dramatisch grundierter Sopran ganz liebreizend lyrisch. Kaum aber schaut sie der Wirklichkeit in die Augen, kriegt ihre Stimme eine unerbittliche Härte, in der sich das wahre Dasein dieser Frau mit der größtmöglichen Erkenntnis offenbart. Sie ist dem Tode geweiht, es genügt der Anblick einer Pistole in den Händen des Eindringlings, um ihre Lebensgeister auszupusten.
Die gesamte Rezension von Jürgen Otten lesen Sie in opernwelt 8/23