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Augenblick der Ekstase

Der Choreograf Jean-Christophe Maillot

Es ist immer wieder erstaunlich, welche Lösungen Maillot für seine Klassikerinszenierungen findet. Mit «Dornröschen», um eine seiner überzeugendsten Arbeiten herauszugreifen, erzählt er alles andere als ein Ammenmärchen. Er choreografiert mit «La Belle» vielmehr ein Stück für Erwachsene, das im Grunde da so richtig beginnt, wo für gewöhnlich die Fabel endet: mit der Paarung. Bei ihm ist die «Schöne» kein unbeschriebenes Blatt, und wenn sie nach hundertjährigem Schlaf dem Prinzen zur Frau erwacht, weiß sie, was sie will. Längst hat Carabosse das Mädchen ins Leben eingeführt, und brutaler kann eine Initiation nicht sein: aus der Hülle wie aus einer Fruchtblase befreit, ist «La Belle» ihren acht «Freiern» schutzlos ausgeliefert. Doch die Liebe zum Mann ihrer Wahl kann der gewaltsame Verlust ihrer Unschuld nicht verhindern, und ewig scheint der Kuss, in dem sich Prinz und Prinzessin einen: eine endlose Bewegung, in der die Aufführung gipfelt, ein Kreisen der Körper, die außer sich geraden, ein Augenblick der Ekstase, der alles hinter sich lässt, was Marius Petipa mehr als ein Jahrhundert zuvor jemals geschaffen hat.

Das Ballett ist insofern typisch für Maillot, als es die Sinnlichkeit nicht im Spürbaren belässt. Er macht sie sichtbar, egal ob es sich nun um «Roméo et Juliette» (1996) handelt, um «Cendrillon» (1999), «LAC» (2011) oder eine Shakespeare-Interpretation wie «La Mégère apprivoisée», die 2014 zunächst im Auftrag des Moskauer Bolschoi entstand. Man mag das französisch nennen, vielleicht sogar frivol, wäre da nicht eine Sublimierung, die selbst eine Grobheit noch hochästhetisch erscheinen lässt. Jean-Christophe Maillot träumt eher davon, dass sich Kulturen kreativ begegnen, ohne dass sie dabei ihre Eigenart einbüßen. Träumt, dass am Ende seiner künstlerischen Entwicklung ein Tanz dominiert, der sich nicht mehr nach seiner Herkunft erklärt, sondern sich einer strikten Klassifizierung entzieht: etwas Neues, etwas Hybrides, das Kategorien wie «klassisch» oder «modern» obsolet erscheinen lässt.

Den gesamten Beitrag von Hartmut Regitz lesen Sie in tanz 8-9/23

(Portrait: Felix Dol Maillot)