Im Seelengefängnis
«Dialogues des Carmélites» beim Glyndebourne Festival
Wie man Figuren genau und präzise auf der Bühne ins Licht stellt (Lichtdesign: Alessandro Carletti), sieht man in Barrie Koskys Inszenierung von Poulencs «Dialogues des Carmélites». Katrin Lea Tag hat für dieses ununausweichlich auf den Tod der Ordensnonnen zulaufende Geschehen einen steinern-grauen, nach hinten sich verengenden Trichter entworfen, zu dem der Zutritt nur durch einen rückwärtigen, schmalen Spalt möglich ist: ein Seelengefängnis. Kosky zwingt die Protagonistinnen und Protagonisten zu einer atemraubenden Konzentration des Ausdrucks, der immer das Gegenüber sucht. So entfalten sich die ersten Szenen von Blanche, ihrem Vater und ihrem Bruder zu einem Psychogramm: Kosky wird nie explizit, aber man ahnt, dass der Chevalier de la Force seiner Schwester inzestuös zugetan ist. Wunderbar gestaltet der Regisseur die Szene, wenn klar wird, dass nicht Mutter Marie, wie von allen erwartet, zur neuen Priorin erhoben worden ist, sondern Madame Lidoine. Während Golda Schultz sämig-salbungsvoll ihre Ansprache hält, bezeugt die Miene von Karen Cargill als übergangene Nonne die Verachtung für das bigotte Salbadere. Und dann geschieht, was das Setting subkutan lange angedeutet hat: die Sprengung der Verhältnisse.
Wenn die Revolutionstruppen das Kloster erobern, stürzt die rechte Mauer spektakulär ein. Ausstatterin Katrin Lea Tag führt in den Kostümen die Zeitebenen von Ancien Régime, Entstehungszeit der Komposition (1953–56) und kriegerischer Gegenwart in Form von Sturmtruppenuniformen zusammen. Ein Sinnbild für allgemeingültige Verhältnisse von Macht und Ohnmacht, vor denen die Stärke menschlicher Solidarität und Gläubigkeit hervortritt. Das Ende ist hier nochmals radikalisiert. Verstörend genau zeichnet Kosky die Erniedrigung der Frauen nach, wenn Soldaten ihnen vor der Hinrichtung grob die Haare abschneiden. Nach und nach treten die Nonnen darauf nach rechts in den aufgesprengten Raum ab, in den Tod. Zum sich ausdünnenden Gesang des «Salve Regina» zischt die Guillotine zu den synchronen Orchesterschlägen besonders scharf und attackierend herab, worauf jeweils ein Paar Schuhe auf die Bühne fliegt. Kosky gewährt uns keinen Rückzugsort, an dem irgendeine Form von Verklärung des Märtyrertums Raum fände.
Robin Ticciati erspürt mit dem überragenden London Philharmonic Orchestra (fantastisch die Holzbläser) die genaue Balance zwischen trockenem Parlando und den schmerzerstickten, kurzen emotionalen Ausbrüchen. Eine Ensembleleistung erster Güte, auch wenn Sally Matthews als Blanche de la Force mittlerweile nicht mehr die jugendlichen Töne zur Verfügung stehen und sie in den dramatischen Aufschwüngen vokal verhärtet. Charakteristisch erfüllen Florie Valiquette und Katarina Dalayman ihre Rollen als Schwester Constance und Madame de Croissy.
Den gesamten Beitrag von Götz Thieme lesen Sie in Opernwelt 8-9/23