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Kittel trifft Trikot

Merritt Moore

Dr. Merritt Moore ist Quantenphysikerin. Und sie ist, ebenfalls im Hauptberuf, Balletttänzerin. Zu ihrem Repertoire zählen «Der Nussknacker», «Schwanensee» und «La Bayadère». Zuletzt am Norwegischen Nationalballett tanzte sie in George Balanchines «Symphony in C». Ihre Meriten erwarb sie sich zuvor am Ballett Zürich und anderen bedeutenden Kompanien wie dem Boston Ballet und dem English National Ballet.

Merritt Moore im weißen Laborkittel mit Schutzbrille hier – Merritt Moore im Ganzkörpertrikot auf der Bühne da. Sie selber hat nie daran gedacht, dass ihr Tanz und ihre wissenschaftliche Arbeit an den bedeutenden Universitäten Harvard und Oxford tatsächlich so getrennte Welten seien. Wenn sie in ihrem Solo «Duality» für die Filmemacherin Inés Vogelfang elegant durch ein Studio tanzt, hört man statt der üblichen Musik die Stimme von Richard Feynman, einem Star der US-amerikanischen Quantenphysik des vergangenen Jahrhunderts – etwa seine berühmten Worte: «Wir müssen unbedingt Raum für Zweifel lassen, sonst gibt es keinen Fortschritt, kein Dazulernen. Man kann nichts Neues herausfinden, wenn man nicht vorher eine Frage stellt. Und um zu fragen, bedarf es des Zweifelns.»

Dasselbe gilt, denkt Merritt Moore, auch für den Tanz. Ballett hat sie in jungen Jahren als Austauschschülerin bei einem Aufenthalt im italienischen Viterbo gelernt, erst bei Irina Rosca, später bei Damian Woetzel. Dieses Ballett kennt keine Zweifel. Nur den Selbstzweifel. Genau der aber führt dazu, das Ballett stets neu zu befragen, etwa so, wie es auch Moores berühmter Landsmann William Forsythe tut. Als Physikerin sind die Kräfte, die in der Tanzbewegung herrschen, der Balletttänzerin mehr als vertraut: Trägheit, Drehmoment, Reibung, Impulserhaltung. Die Kenntnis ihrer Funktionsweisen halfen ihr schon immer auch auf der Bühne.

Diese Exotin, sowohl für die Wissenschaft als auch für die Ballettwelt, erzeugt viel Aufmerksamkeit. Die erhielt sie spätestens, als sie 2017 in einem Reality-TV-Format der BBC mitwirkte: «Do You Have What It Takes?» hieß das Astronautentraining vor Kameras, das sie sehr ernst nahm. Das Spiel mit Zweifel und Risiko, das den Serienkern ausmacht, passt exakt auf Merritt Moores Selbstbeschreibung. Sie will tatsächlich zum Mond fliegen. Nicht, weil es dort besonders kuschelig wäre, sondern weil erst in dem Moment, wo Kunst und Wissenschaft sich ernstlich aufeinander einlassen, auch Grenzen überwunden werden können.

Das gesamte Porträt von Arnd Wesemann lesen Sie in tanz 8/9 2021