Inhalt

Elfriede(s) Corona Theater

Jelineks neues Stück in Hamburg

In ihrem Corona-Bilanz-Stück «Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!» verzwirbelt Jelinek ein halbes Dutzend thematische Cluster zu einem 80-seitigen Redestrom. Es geht a) um den Hallraum der Meinungen zur Pandemie ohne Ansehen etwaiger Richtigkeiten. Corona-Leugner, Verharmloser, Warner, Moderierer – alles da. Es geht b) um meist männliche Party-Misogynie beim Après-Ski in Ischgl, dem ersten Superspreader-Event. Von dort kleiner Männer-sind-Schweine-Mythen-Abzweig c) zur Kirke-Episode der «Odyssee», in der die geilen Griechen von der listigen Zauberin zuerst in Schweine verwandelt und dann in eine Orgie verstrickt werden; von dort unmittelbar rüber nach d), dem nächsten Superspreader, der industriellen Fleischindustrie; dann Absprung, etwas größer gedacht, zu e), dem Verhältnis Mensch-Tier-Natur, verbunden mit der humanen Hybris technischer Machbarkeit, die bekanntlich ins Verderben führt, womit wir f ) recht folgerichtig zum Thema Digitalisierung und Medien weiterwandern, was zwangsläufig in Richtung g), Realitätsverlust und Verschwörungsmythen führt und h) die Spaltung der Gesellschaft im Lärm der Meinungen zur Folge hat, womit wir auch schon wieder bei a) – Sie erinnern sich – das große Pandemie-Gerede und g) der Frage nach der Wahrheit angekommen wären. Und gleich nochmal und ein bisschen schneller!

Wie inszeniert man das? Duri Bischoff hat eine multifunktionale Disco-Alm-Hütte auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses gekantet, mit Bar, vielen Bildschirmen und einem rustikalen Holzdesign zwischen tapezierter Gemütlichkeit und Ballermann-Abzocke. Darin arbeitet sich Regisseurin Karin Beier mit ihrem achtköpfigen Ensemble unerschrocken durchs Textgebirge. Der Corona-Rundwanderweg bietet Anschauungsmaterial zu jedem Abzweig.

Furchtlos besoffener Après-Ski-Stadel, kollektives Verröcheln in Atemnot, ein Catwalk der aufgespritzten Lippen und Latex-Skianzugmode (Kostüme Wicke Naujoks), ein eindrucksvolles Männer-Schweineballett, grimmiges Amazon-Pakete-Aufreißen, Querdenker-Einlagen zur Reichskriegsflagge, Sex-Puppen-Aufblasen, -Schwenken und -Versenken und anderen Frohsinn auf Ischgl-Höhe. Als besonderes Ambiente-Schmankerl tritt eine dreiköpfige Alpen-Blaskapelle auf, die bei etwaigen Stimmungsabsackern mit einem beherzten Almdudler dazwischengeht.

Den gesamten Beitrag von Franz Wille lesen Sie in Theater heute 8/9 2021