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Grandiose Balance

Kirill Petrenko dirigiert «Tristan» in München

Tonnenschwer scheint die Last zu sein, die auf dem b-moll-Akkord zu Beginn liegt, und sie wird auch kaum leichter, wenn sie sich in einer in Sekunden ansteigenden Linie zum nächsten Akkord in f-moll schleppt. Erst im dritten Anlauf befreit sich die Melodie und steigt piano, in mild-lichten Terzen, Schritt für Schritt, «gedehnt» hinauf. Doch wohin strebt sie? Zur Sonne? Zum Himmel? In ein anderes Land?

Kirill Petrenko, der mit Richard Wagners «Tristan und Isolde» seine letzte Premiere als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper verantwortet, lässt dies offen. Jenes mystische, schicksals- und wolkenverhangene Gebiet, das in Wagners «Handlung» so häufig gesucht wird, besteht für ihn nur aus musikalischen Modulen, Momenten und Melodien, die es zu formen gilt. Und das kann keiner besser als Petrenko, nicht zuletzt auch deswegen, weil er im Bayerischen Staatsorchester einen fantastischen Partner an seiner Seite weiß. Die Phrasierung ist in allen Orchestergruppen elaboriert bis fast zur Perfektion, das Legato der Streicher so weich wie schmelzende Butter, dabei aber doch gesättigt, in der Dynamik extrem flexibel und bei allem Wohlklang nie «filmmusikalisch» illustrativ. Holz- und Blechbläser gebieten über einen schier unermesslichen Farbenreichtum, der die immense Transparenz des Ganzen begünstigt.

Das alles wäre natürlich nur oberflächlich grandios, würde nicht auch die im «Tristan» so heikle Balance der Tempi stimmen. Doch gleich in den ersten Takten des Werks zeigt Petrenko, über welchen Feinsinn er diesbezüglich gebietet. Die Pausen sind bis an den Rand gefüllt mit Spannung, die aber nie effektvoll gedacht ist, sondern sich aus der Logik des musikalischen Atems ergibt. Wie ein einziges großes Fragezeichen klingt diese Stille zwischen den Fragmenten, in denen bereits zu diesem Zeitpunkt die Ambivalenz aus Sehnen und Sterben aufscheint, die das gesamte Werk bestimmt. Krzysztof Warlikowski genügt das Sterben. Von Sehnsucht ist in seiner enigmatischen, bemüht assoziativen Inszenierung kaum etwas zu sehen, lediglich die beiden, in einem Video (Kamil Polak) über dem Meer flatternden Möwen (Metaphern wohl für das über den Wassern des Alltags schwebende Liebespaar, das es dann aber real nicht gibt) im ersten Aufzug künden momentweise davon. Für Warlikowski ist «Tristan» ein Todesstück, was an Ernst Bloch gemahnt, an dessen lakonische Seinsbeschreibung: «Man ist. Und das ist wenig. Zu wenig.»

Den gesamten Beitrag von Jürgen Otten lesen Sie in Opernwelt 8/21