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Dante in der Tanzhölle

Florentina Holzinger entwickelt «A Divine Comedy»

Endzeitszenarios sind eine Spezialität der Choreografin Florentina Holzinger. Schließlich, beteuert sie, könnte jede Show auch ihre letzte sein. So spricht man wohl, wenn man selbst einmal während einer Performance aus fünf Metern Höhe auf den Boden stürzte und sich im Krankenhaus wiederfand. Aber vielleicht ist das auch eine unausweichliche Denke, wenn man als Künstlerin aus Österreichs Hauptstadt kommt, der Metropole des Morbiden? Der Tod, das muss ein Wiener sein ...

Wie auch immer, auf Florentina Holzingers Bühne jedenfalls: nackte Frauenleiber, verwundbar, kein Stoff kaschiert ihre Endlichkeit. Manche mit Narben, schwarzen Tattoos. Viele muskelgestählt, nach eigenem Bilde mit Hanteln und Eisen im Kraftraum geformt. Aber auch mollig-weiche Körper sind dabei, und alte, denen das Leben Linien in die Haut schraffiert hat.

Wer für sie arbeitet, verpflichtet sich für lange Zeit, denn die Holzinger ist keine Choreografin, die Stück auf Stück raushaut. Ihre Produktionen sollen lange touren, die durchaus materialaufwendigen Bühnenbilder ordentlich verschlissen werden – so geht Öko-Theater, viele Shows, wenig Müll.

Gerade grübelt Florentina Holzinger über die Kultur des Totentanzes, denn gemeinsam mit 25 Performerinnen jeden Alters inszeniert sie für die «Ruhrtriennale» «A Divine Comedy», ihre Version von Dantes «Die Göttliche Komödie». Wer «Dante» sagt, denkt eigentlich «Hölle». Wer interessiert sich schon für Purgatorium und Paradies? Alle wollen das Inferno sehen, diese urchristliche und so herrlich gruselige Idee von ewiger Verdammnis, Strafe, Folter, kein Vergessen, kein Vergeben – auch das ein ziemlich beeindruckendes Konzept von Nachhaltigkeit zu kirchenpädagogischen Zwecken. Was ist schon der ökologische Fußabdruck gegen unsere moralische Schuld?

In Florentina Holzingers «Divine Comedy», so verrät sie im Gespräch, soll Dante in die Höllen der Tanzwelt reisen, will sagen: zu Castingshows mit ihrem maximalen Leistungsdruck und der binären Logik von nützlichem versus nutzlosem Menschenmaterial. Dabei konkurrieren Holzingers Sünderinnen in der Kunst des Totentanzes: Wer ist die tragischste Todgeweihte? Die Alte, die dem Jenseits nahe ist, oder die junge Frau, das blühende Leben?

Den gesamten Beitrag von Nicole Strecker lesen Sie in tanz 8/9 2021