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Keine Kunst ohne Eros

Wie die Pandemie das Theater heimsucht. Ein Essay von Olga Myschkina

Menschen bedürfen des anderen Körpers, der Wärme dieses anderen Körpers, des Subjekts und Objekts Körper. Sie dürsten nach Berührung, um berührt zu werden. Vieles davon ist unmöglich geworden. Wie sollen denn, ob auf der Bühne oder im realen Leben, Gefühle entstehen, wenn man sich nur noch mit den Augen verzehren kann? Wie sollen Menschen einander näherkommen, wenn sie tunlichst gehalten sind, genau das Gegenteil zu tun? Wenn der Körper des anderen nur noch als Bedrohung wahrgenommen wird? Wie wollen wir verführt werden oder selber verführen, wenn es uns verboten ist? Wo bleibt das Geheimnis der Verführung? Wo bleibt die Verführung selbst? Niemand, der nicht selbst verführt ist, wird in der Lage sein, andere zu verführen, sagte Baudrillard. Ich mag Baudrillard allein für diesen einen wahren Satz.

Machen wir uns nichts vor. Wenn es so weitergeht, droht uns die Agonie des Eros. Byung-Chul Han, der, wenn ich richtig liege, den Begriff geprägt hat, irrt nicht, wenn er hinzufügt, das erotische Begehren sei immer schon imstande gewesen, die Depression zu überwinden (und sei es nur jenen Goethe’schen Kairos-Augenblick lang, nach dem wir uns alle immer sehnen). Sind wir aber gezwungen, Verzicht zu üben, droht uns dieser Zustand der Depression. Denn es ist vor allem die erosgetriebene Seele, die schöne Dinge und, mehr noch, schöne Handlungen hervorbringt, ihr wohnt das inne, was Alain Badiou den «Keim des Universellen» nennt. Ein Theater, das die Berührung der Körper und Seelen vermeidet, entbehrt eines solchen Keims. Da wächst kein Grashalm, da sprießt nichts, da ist kein Zeugen im Schönen. Da ist nur waste land, so wie am Ende meiner Lieblingsoper «Manon Lescaut» von Giacomo Puccini. Öde Wüste (oder wüste Öde?), fahler Himmel, eine einsam sterbende Frau. Und vielleicht ist das der größte Verlust, den wir erleiden könnten, wenn nicht bald am Horizont ein Funke von Utopie aufglimmt: Es ist der Verlust der Liebe.

Den gesamten Essay der Librettistin, Schriftstellerin und Übersetzerin Olga Myschkina lesen Sie in der August-Ausgabe von Opernwelt