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Gören-Charme an der Kö

Cennet Rüya Voß erobert Düsseldorf

Nach einem Jahr Biologiestudium in Konstanz wechselte Cennet Rüya Voß 2013 zum Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt. 2016 wurde sie ins neue Düsseldorfer Ensemble von Wilfried Schulz gecastet.

Den möglichst direkten Kontakt zum Publikum oder zu Leuten, die es werden könnten, liebt Cennet Rüya Voß seit ihren ersten Theatererfahrungen als Schülerin: Zwischen den Menschen herumzurennen, die auf der «Schlachte», der Weserpromenade in Bremen, Kaffee trinken oder shoppen, deren Aufmerksamkeit einzufangen und mitten im Gewühl «Leonce und Lena» zu spielen, das war ihr Einstieg. Sie spielte zuerst am kleinen Bremer Schnürschuh-Theater, dann beim Jungen Theater des Schauspiels Bremen. Dabei waren es von Beginn an die schrägen, abseitigen Charaktere, für die sie sich begeistert - und das mit Mut zur Hässlichkeit.

Da wäre zum Beispiel diese Szene in Evgeny Titovs sehr naturalistisch inszenierter Düsseldorfer «Hexenjagd»: Als die junge Mary (Lieke Hoppe) den Besessenheits-Fake der Mädchen aufdecken will, beschuldigen diese sie selbst der Hexerei. Geduckt, wie in die Enge getriebene Raubtiere fauchen und geifern die jungen Frauen. Voß als Betty Parish in ihrer Mitte lässt die Speichelfäden tropfen – um sie dann mit weit herausgestreckter, kreisender Zunge und irre flackerndem Blick wieder einzufangen.

Zu ihren Lieblingsrollen zählt auch der Moritatensänger in der «Dreigroschenoper»: Ein so gar nicht liebenswertes, knurriges, kauziges, krummes Fantasiewesen kräucht da in der Inszenierung von Andreas Kriegenburg zum Auftakt auf die Bühne, das Gesicht verklebt weiß geschminkt, dazu Handschuhe und Melone. Mit dem überzogen rollenden Brecht-R, der misanthropisch obszönen Gestik eines alten Marktschreiers und einer Stimme, die unberechenbar zwischen Gossen-Alt, Gollum-Fauchen und Gören-Charme springt, besingt sie Mackie Messer und seine Verbrechen.

Zuletzt spielte Voß die Klara in Friedrich Hebbels «Maria Magdalena», inszeniert von Klaus Schumacher. Wieder ein Autor, der seine Figur in klar gesellschaftskritischer Absicht quält. Dennoch bleibt Klara eine dieser heteronomen Tiefstatus-Figuren, die Frauen auch 2019 noch als Identifikationsangebot vorgespielt werden. «Ich probiere diese Frauen stark, reflektiert und als handelnde Subjekte darzustellen – soweit das möglich ist, wenn man sich kurz darauf in den Brunnen stürzt.» Voß lacht, wird aber schnell wieder ernst. «Für Klara ist das die einzige Möglichkeit zu agieren, selbst über sich zu bestimmen. Nach dem Motto, ‹Macht nur schön weiter mit eurer patriarchalen Welt, ich geh dann mal›.»

Im Spätsommer wird sie als Mowgli in Robert Wilsons „Dschungelbuch“-Adaption die Düsseldorfer Spielzeit mit eröffnen...  

Das vollständige Porträt der Schauspielerin von
Cornelia Fiedler finden Sie in Theater heute 8-9/2019.