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in memoriam Johann Kresnik

Am 27. Juli starb der legendäre Tanz- und Theaterregisseur Johann Kresnik in Klagenfurt.

Johann Kresnik war der Trauerarbeiter des deutschen Theaters. Jedoch: Seine Trauerspiele waren nicht trist, sondern wild zupackend und verstörend und mitunter ohrenbetäubend laut. Wer nicht hören will, muss sehen: Der Tanz auf dem Trauma ist ein heftiger Taumel durch Geschichte und Geschichten.

Weniger Schritt für Schritt als Sprung um Sprung choreographierte Kresnik seinen ästhetischen Widerstand gegen zwei - sehr deutsche - Übel auf die Bühne: Widerstand gegen die kollektive Verdrängung von Unrecht und Schuld; und gegen die heillose Verstrickung in Familienbande und Gruppenzwänge. Eine gemeinsame Überschrift für sein choreographisches Theater könnte lauten: Zeigt her Eure Wunden! - damit ihr jene Wunden zu sehen vermögt, die Ihr andern zugefügt habt und noch immer zufügt. Ein - scheint's - ewig zeitgemäßer Aufruf an die Deutschen.

Der Choreograph ist ein Seismograph. Jede Bewegung in der Gesellschaft bewegt ihn. Die Bilder der Wirklichkeit werden zu Bühnen-Bildern, nachdem sie im hitzigen Kaleidoskop der künstlerischen Wahrnehmung und Durchdringung zur Kenntlichkeit entstellt worden sind. Kresniks Kunst veränderte, wie alle Kunst, kaum die Welt, doch verführte sie vielleicht den einen oder die andere zur Erkenntnis, daß die genaue, die gnadenlose Erinnerung einzige Quelle für Zukunft und Zukunftshoffnung ist. Und somit auch erstaunliche, staunen machende Rechtfertigung des Theaters als eines letzten Ortes genuin bürgerlicher Gesellschaft.

Kresnik, im Kriegsjahr 1939 im damals großdeutschen Kärnten geboren, Bergbauernsohn und ausgebildeter Werkzeugmacher, hatte dank seiner Herkunft genug festen Boden unter den Füßen, um beim Ballett nicht in schönen schalen Schein abzuheben. Seine Karriere als Solotänzer bei Balanchine und Cranko mündete 1967 in eine erste eigene Produktion mit dem Titel: «O sela pei». Da wurden Texte von schizophrenen Dichtern vertanzt. Oder besser: Nicht vertanzt, sondern verkörpert. Schon die zweite Kölner Arbeit, sie hieß «Paradies» mit einem Fragezeichen dahinter, war dezidiert politisch: Kresnik reagierte auf das Attentat an Rudi Dutschke und die blöd und bös machende «Bild»-Zeitungswelt. Das war 1968. Nach 1939 noch ein historisches Datum.

Unsere sprichwörtliche «Unfähigkeit zu trauern» erzürnte ihn – und inspirierte ihn, der als Kind miterleben mußte, wie sein Vater als vermeintlicher Verräter vor seinen Augen von Partisanen erschossen wurde. Aber erst die Begegnung mit einem zweiten, seinem geistigen Vater, mit Ernst Bloch Ende der Sechziger, entzündete das politische Bewusstsein. Private Biographie, das Leiden am mechanischen Ballettbetrieb und die historische Erfahrung der Revolte draußen rieben sich seither nicht mehr aneinander auf und ab, sondern trieben den Künstler hinaus zu neuen Formen und Inhalten. Damals ungewohnt und viel Widerspruch erzeugend: daß Tänzer dachten und nicht bloß gute Figur machten.

Seit 1968 waren Kresniks Inszenierungen immer wieder ein Stück Kulturgeschichtsschreibung der Bundesrepublik, die den radikalen Österreicher nicht sonderlich mochte, aber auch nicht losließ. Eingesperrt und zugleich ausgegrenzt kam er zu sich selbst: Giovanni furioso - auf seiner Via dolorosa.

Er war ein rastloser, mitunter rasender Rebell, den Älterwerden kaum müde machte. Der inkarnierte Widerspruch: empfindsamer Berserker, differenzierter Simplifikator, weiser Ungerechter... Warum auch sollte er sich auf einen Begriff bringen lassen, solange er und wir die Welt, so wie sie von andern verunstaltet wird, weder begreifen noch hinnehmen wollen.

Johann Kresnik - nicht zu fassen. Durch Widerstand gegen die Staatsgewalt, gegen Routinekunst, gegen schläfrigen Kulturkonsum, gegen sumpfigen Gruppenzwang und Denkschablonen blieb er auch im Erfolg ein Künstler - ohne Furcht vor Tadel.

Den vollständigen Beitrag zu Johann Kresnik, den Michael Merschmeier
1990 für Theater heute verfasste, finden Sie hier.