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Apollinische Anmut

Jerome Bel entdeckt Isadora Duncan

In «Isadora Duncan» setzt sich Jerome Bel mit einer toten Legende auseinander. Von deren Tanzstücken – abgesehen von einem Filmschnipsel, zahlreichen Fotos, Zeichnungen und dem, was ihre Schülerinnen mitgenommen haben – nichts überliefert ist. Was Bel präsentiert, ist also weitgehend ein Spiel mit der Fantasie.

Die Idee, sich ausgerechnet mit Duncan zu befassen, lag keineswegs auf der Hand. «Ich hatte überhaupt keinen Bezug zu Isadora Duncan. Ihre Kunst schien mir überaltert und nicht sehr ernsthaft. Dann aber las ich durch Zufall ihre Autobiografie. Ich war fasziniert und begann, über sie zu recherchieren. Was ich da entdeckte, fand ich dann doch bedeutend.» Die grundsätzliche Ahnungslosigkeit teilt Bel wohl mit weiten Teilen des Tanzpublikums. Denn von der 1877 in San Francisco geborenen und 1927 verstorbenen Tänzerin und Choreografin hat sich vor allem die Episode ihres tragischen Unfalltods eingebrannt.

Dass sie, eine Frau von apollinischer Anmut und Schönheit – ein «Naturkind», wie sie von sich selbst sagte –, gleichzeitig den Weg zum Ausdruckstanz ebnete und das Recht erstritt, barfuß und unbekleidet zu tanzen, passt offensichtlich gut zum geübten Konventionsbrecher Jérôme Bel. Aber was genau berührt Bel an dieser Figur, wo sieht er für sich Überschneidungen zum historischen Feld? «Ich weiß es noch nicht», sagt der Choreograf, «das wird sich wahrscheinlich erst herausstellen, wenn ich das Stück beendet und es mehrere dutzendmal gesehen habe. Dann werde ich vielleicht überhaupt erst verstehen, warum ich es gemacht habe. Wüsste ich das jetzt schon – dann bräuchte ich das gar nicht zu machen. Denn dann hätte ich ja bereits die Antwort!»

Thomas Hahns ausführliches Porträt Jerome Bels und
seines neuesten Projekts finden Sie in tanz 8-9/2019.

«Isadora Duncan» vom 16. bis zum 18. August im Deutschen Theater Berlin; www.tanzimaugust.de