Rezensionen Juli 2023
Nach Knausgård «Der Morgenstern» am Schauspielhaus Hamburg
Unglückliche Unsympathen bevölkern Karl Ove Knausgårds Roman «Der Morgenstern», ein 900 Seiten dickes Gesellschaftspanorama aus der norwegischen Provinzmetropole Bergen, das Viktor Bodó als hoch unterhaltsames, ästhetisch nah am Film gebautes Tableau auf die Bühne des Hamburger Schauspielhauses bringt. Eine Hitzeglocke hängt über der Stadt, unerklärliche Naturphänomene treten auf, und eines Nachts erscheint ein unbekannter Stern neu am Himmel. Dieser «Morgenstern» aus dem Titel kündigt etwas an – die Apokalypse vielleicht, den Neustart möglicherweise, jedenfalls eine Befreiung aus dem unbefriedigenden, erstickenden Alltag.
Die Pastorin Kathrine (Julia Wieninger) hat nicht nur den Glauben an Gott verloren, sondern auch den an ihre Ehe mit Musiklehrer Gaute (Yorck Dippe). Der erweist sich als pseudosensibler Heuchler, der sich ungelenk an seine Schülerin Iselin (Josefine Israel) ranmacht. Und Altenpflegerin Turid (Ute Hannig) sackt übermüdet auf der Arbeit zusammen, benimmt sich übergriffig gegenüber ihrem Sohn, und als der sich erschießt, ist ihre Welt am Ende. Immer so weiter, immer hoffnungsloser, und durch die ganzen Szenen geistert ein schwarz gekleideter Mann (Jan Thümer), der ein bisschen mehr zu wissen scheint und das Stück so halbwegs zusammenhält. Tatsächlich nämlich arbeitet «Der Morgenstern » mit einer ausgeprägten Stationendramaturgie: Zwar begegnet man bestimmten Figuren in den einzelnen Episoden immer wieder, im Grunde aber wird eine Erzählung abgehakt, und dann folgt die nächste. Jana Zandonai hat hierfür eine beeindruckende Wabenbühne gebaut, die die jeweiligen Figuren in kleine Räume sperrt, um per Drehbühne bei Bedarf ins Zentrum geschoben zu werden, außerdem gibt es einen raffinierten Livekameraeinsatz (Video Boris Ujvari, Videodesign Oliver Koniecki), der einerseits die filmische Anmutung der Inszenierung betont, andererseits dabei hilft, den Durchblick zu behalten. Und schließlich auch noch originelle Inszenierungsgimmicks ermöglicht: Für Kathrines Kurzstreckenflug von Oslo nach Bergen etwa setzt sich Wieninger in eine der ersten Publikumsreihen und wird so zum Fluggast, der sich erst kurz vor Start auf seinen Platz drängelt und alle anderen Passagiere nervt. Und weil sie daraufhin erstmal zwischen den Zuschauer:innen sitzt, erscheint sie in Großaufnahme auf der Leinwand als Reisende im beengten Flugzeugraum. Hübsch, auch wenn das mit Knausgårds Vorlage erstmal wenig zu tun hat.
Die sich in Armin Kerbers Bühnenfassung als überaus unterhaltsam erweist – Szenen wie das erotisch-genervte Gekabbel zwischen Journalist und Künstlerin sind komödiantische Kabinettstückchen, der distanzlose Musiklehrer mit seiner Schülerin ist von beunruhigender Schärfe, und wenn Egil (Markus John) Besuch von seiner Teenager-Tochter bekommt, dann vermittelt sich die Sprachlosigkeit zwischen den Figuren innerhalb weniger Minuten.
Allerdings ist Knausgård nicht umsonst umstritten – der Erfolgsautor ist ein konservativer Misanthrop, der in der bedrohlichen Stimmung ein reinigendes Feuer imaginiert. Dieses negative Gesellschaftsbild hat einen reaktionären Aspekt, ähnlich wie beim formal verwandten (und ebenfalls immer wieder am Schauspielhaus aufgeführten) Michel Houellebecq, und die Inszenierung läuft an manchen Stellen Gefahr, diesem Reiz des Negativen zu erliegen. Übergriffige Lehrer, betrunkene Ärzte, schlechte Künstler:innen, gelangweilte Journalisten – wäre doch in Ordnung, wenn die über die Klippe springen? Mal ehrlich: Wer braucht eigentlich Menschen?
Wobei Bodós Inszenierung am Ende auf die Katastrophe verzichtet. Zwar steigert sich die Spannung fast bis ins Unerträgliche, nach und nach eskalieren einzelne unbehagliche Stimmungen in kurze Gewaltausbrüche, der große Knall aber bleibt aus. Kurz vor Schluss gleitet Jan Thümer noch einmal mit einer Hebebühne über die Szene, lässt sich in die Höhe fahren und schraubt eine Lampe raus. Dunkel – «The End». Es folgt ein filmischer Abspann, mit einer Liste aller Mitwirkenden und Doris Day, die dieses charmante, unterhaltsame, coole und gar nicht mal so harmlose Ensemblestück lieblich in den Schlaf singt: «Dream A Little Dream Of Me.»
Den gesamten Beitrag von Falk Schreiber lesen Sie in Theater heute 7/23