Inhalt

Pure Sinnlichkeit

Der Tänzer Marcelino Sambé

Seine Geschichte ist inspirierend, persönlich wie beruflich. Trotz einer zunächst vollkommen ballettfernen Kindheit hat es Marcelino Sambé geschafft, bei den einschlägigen internationalen Wettbewerben in Lausanne, Jackson (Mississippi) und Moskau auf sich aufmerksam zu machen. Im Alter von acht Jahren tanzte er ohne jede balletttechnische Vorbildung am Conservatório Nacional in Lissabon vor – mit Erfolg. Sein Tanzstil war afrikanisch geprägt, ein Erbe seines Vaters, der aus Guinea stammte. In den ersten Lebensjahren noch von der portugiesischen Mutter großgezogen, wurde Sambé nach dem Tod des Vaters zur Adoption freigegeben, während seine Schwester bei der Mutter aufwuchs. Am Conservatório Nacional machte er rasch Fortschritte, lernte bei Catarina Moreira und Mikhail Zebilev. Der ehemalige Mariinsky-Tänzer bildete den 14-Jährigen in der Waganowa-Technik aus. Mit 15 nahm Sambé erstmals an einem internationalen Wettbewerb teil. Jeder, der ihn tanzen sah, erkannte es auf den ersten Blick: Marcelino Sambé war ein Ausnahmetalent mit einer vielversprechenden Zukunft. Er selbst erinnert sich so: «Der Moskauer Wettbewerb hat mir die Augen geöffnet, da habe ich richtig viel gelernt: Wie es sich anfühlt, auf der Bolschoi-Bühne zu tanzen; das wohlhabende Publikum und die Ballettleidenschaft dort; und die großen, langgliedrigen Tänzerinnen und Tänzer! Das alles hatte ich so nicht erwartet, aber es hat mein Tanzen ungemein beflügelt. Die Reaktion auf meinen Auftritt war riesig und der Applaus so groß, dass ich noch dreimal vor den Vorhang musste. Mein zeitgenössisches Solo kam bestens an. Außerdem hatte ich die Variationen von Petipas ‹Halte de Cavalerie› und Alis Solo aus ‹Le Corsaire› getanzt, beides Demi-caractère-Rollen. Beim «Prix de Lausanne» wurde mir dann ein Stipendium an der Royal Ballet School in London angeboten, und Gailene Stock, die damalige Direktorin, war ganz offen zu mir, was meine Größe anging und welche Rollen ich erwarten durfte.»

Sambés Lernkurve war steil. Er trat dem Royal Ballet 2012 bei und marschierte durch die Ränge, bis er 2019 zum Principal ernannt wurde – auch wenn er dem traditionellen Bild eines Danseur noble eigentlich gar nicht entsprach. Er arbeitete mit modernen Choreograf*innen wie Wayne McGregor, Crystal Pite und Hofesh Shechter .

Sambé bewegt sich fließend, selbstbewusst, schwelgerisch und ungemein aussagekräftig. Auf der Bühne verströmt er pure Sinnlichkeit und freut sich, wenn seiner Bewegungskunst genau diese Qualität bescheinigt wird. «Man muss sich immer wieder häuten wie eine Schlange und die Zuschauer in sich hineinblicken lassen. Und sich fragen: Was bedeutet mein Mensch-Sein in diesem Augenblick? Ich ziehe Menschen magnetisch an und lasse sie für einen Moment meinen Platz einnehmen.»

Den gesamten Beitrag von Mike Dixon lesen Sie in tanz 7/23