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Rezensionen Juli 2023

Alban Berg: «Lulu» bei den Wiener Festwochen; Regie: Marlene Monteiro Freitas

«Lulu» ist ein Werk für die große Bühne. Wie die himmlische Heerschar beim Jüngsten Gericht thront das vielköpfige Radio-Symphonieorchester des ORF über dem szenischen Geschehen. Dirigent Maxime Pascal agiert auf einem hohen weißen Gestell, das architektonisch vom Orchesterbalkon abgesetzt ist und an ein Schiedsrichter-Podest erinnert, von dem aus ein Match beobachtet wird. Tatsächlich treten hier die divergierenden Logiken des Musiktheaters auf der einen und zeitgenössischer Choreografie auf der anderen Seite gegeneinander an.

Zur Erinnerung an die Vorgeschichte: Alban Bergs «Lulu» fußt auf Frank Wedekinds Tragödien «Erdgeist» und «Die Büchse der Pandora», die der Autor im Jahr 1913 zu einem Drama mit dem Titel «Lulu» zusammenfasste. Der Komponist konnte die Oper vor seinem Tod 1935 nicht mehr fertigstellen, daher fand die erste Aufführung postum zwei Jahre später statt. Seit den 1970ern existiert zwar eine von Friedrich Cerha vollendete Fassung, doch Freitas hat sich für das fragmentarische Original entschieden.

In Musik und Text lässt Freitas das «Gestell» der Oper bestehen, während sie synchron ein choreografisches Parallelgeschehen ins Spiel bringt, dessen Akteure aus einem anderen Universum kommen, nämlich jenem der Marlene Monteiro Freitas. Deren eigenwillige Gestalten manövrieren, angeleitet von der Komposition, als choreografische Kommentare und Exkurse ungeniert durch das Opernpersonal. Dabei nehmen sie Charakteren wie dem Maler, Dr. Schön oder dem Prinzen ihre Eindeutigkeit, lockern ihre Verankerungen und fordern so den Blick heraus.

Hier kann das Publikum nicht einfach in Ruhe der kathartischen Logik einer gesellschaftskritischen Tragödie folgen, sondern muss oft entscheiden, wohin es seine Aufmerksamkeit dirigiert. Während die Sänger*innen gerade das Notwendigste tun, um die Handlung plausibel zu halten, oft aber einfach deklamierend in Richtung Tribüne agieren, sind die acht Eindringlinge permanent aktiv: Sie gehen umher, folgen dabei genau kalkulierten Wegen, bilden Formationen und eigene Schauplätze. Mit ihren zuweilen abgehackten Bewegungen erinnern sie an frühe Filmkomiker. In manchen Szenen sind ihre Arme amputiert, ihre Gesichter tragen Farbe um die Münder, ihre Hände stecken zeitweilig in blauen oder auch grünen Handschuhen, deren Farben mit den blauen Seitenwänden und der grünen Rückwand der Bühne korrelieren.

Den vollständigen Beitrag von Helmut Ploebst lesen Sie in tanz 7/23