Eine intime Beziehung
Die Mezzo-Sopranistin Anna Lucia Richter
Ihre Textverständlichkeit war immer hervorragend. Wie machen Sie das?
Es geht jedenfalls nicht nur darum, Konsonanten zu spucken. Konsonanten nehmen immer auch Klang weg und bilden schnell eine Sperre zu den Vokalen. Das kann zu Unverständlichkeit führen, weil es Wörter in ihre einzelnen Bestandteile auflöst. Jenseits des rein technischen Aspekts geht es vielmehr darum, jedes Wort mit Inhalt zu füllen. Das Geheimnis von guter Textverständlichkeit ist immer die Freude an der Sprache, wenn die Worte für mich einen Geschmack haben, eine Geschichte erzählen. Der größte Unterschied zwischen uns Sängern und der Instrumentalmusik ist ja wahrscheinlich, dass wir Märchenerzähler sind. Ziemlich wichtig ist für mich, einen Pianisten an der Seite zu haben, der sein Handwerk versteht.
Was ist für Sie dieses Handwerk?
Die Kunst der Liedbegleitung bedeutet, den sängerischen Atem zu verstehen. Deshalb arbeite ich auch nur mit einigen wenigen Liedbegleitern. Manchmal bitten mich Veranstalter, mit einem prominenten Pianisten, der ohnehin vor Ort ist, noch rasch einen Liederabend zu gestalten. Aber Liederabende funktionieren nur, wenn man sich in den Proben ebenbürtig begegnet und offen miteinander ist, ohne sich das gegenseitig übel zu nehmen. Diese intime Beziehung muss in einem geschützten Raum entstehen. Ein guter Liedbegleiter versteht etwa, dass ein Konsonant vor der Zeit kommen kann, weil der Ton erst mit dem Vokal beginnt.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Bei «still» würde ich mir für das «scht» viel Zeit lassen, weil es lautmalerisch die Bedeutung schon darstellt. Interpretation funktioniert meines Erachtens in erster Linie über die Konsonanten. Die Vokale sind sowas wie der Kleber; durch sie geht die Linie weiter und kann ich mit Stimmfarben spielen. Aber sie sind viel begrenzter als das, was ich mit Konsonanten anstellen kann: bissig, wütend zu klingen, wenn ich sie besonders explodieren lasse. Oder ihnen Wärme zu geben, indem ich sie weich klingen lasse, sie früh setze, um Ungeduld zu zeigen, etwas hinauszögere, um Spannung zu erzeugen.
Das gesamte Interview von Michael Stallknecht lesen Sie in Opernwelt 7/23