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Rezensionen Juli 2022

Foto: Ute Kangkafel MAIFOTO

Yael Ronen, Dimitrij Schaad: «Operation Mindfuck» in Berlin

Yael Ronen , Dimitrij Schaad: «Operation Mindfuck» in Berlin

Menschen halten Unsicherheit nicht besonders gut aus, das weiß niemand besser als Erin, die pointiert zwischen Deutsch und Englisch switchende Direktorin einer hochprofitablen Trollfabrik: «Reality is chaotic and random. But the human mind cannot tolerate chaos for too

long.» Deshalb sei das menschliche Gehirn darauf trainiert, in allem irgendeinen Sinn zu finden und noch das Zufälligste zu einer Geschichte zu verknüpfen, sonst fühle man sich verloren und hilflos: «Our mind is programmed to create meaning. That's why we look at ran dom events and connect the dots into a story. It's an existential human need. Without it we feel lost and helpless.» Deshalb, so Erin, quasi aus Fürsorge für die Menschheit, verbreitet sie hochprofessionell Verschwörungstheorien in ihrer Firma, damit sich alle wieder sicher fühlen mit ihren Geschichten. Im ersten bis dritten Stock sitzen die Kreativen, also die Schreiberlinge, die sich die hanebüchenen Stories ausdenken, die dann über Bots in alle Social-Media-Kanäle geblasen werden, die das Metaverse kennt. Da gehe es aber erst einmal nur um Clickbaiting und die damit verbundenen Anzeigenprofite, die kommerzielle Seite der Medaille. Im Stockwerk darüber sitzt dann – streng geheim – die politische Abteilung, Wahlmanipulation, Cambridge Analytica, solche Sachen. Da wird es wirklich interessant. Und noch viel profitabler. Der Laden läuft jedenfalls wie geschmiert.

Was Erin in Yael Ronens und Dimitrij Schaads «Operation Mindfuck» an dieser Stelle allerdings nicht sagt, ist ihre persönliche tiefe Liebe zum Chaos, in die ihre Machenschaften die westlichen Demokratien stürzen wird. Weshalb die Schauspielerin Orit Nahmias in Yael Ronens Inszenierung im Berliner Gorki Theater vorher schon einen sehr eindrucksvollen Auftritt als griechische Chaosgöttin Eris hatte, inklusive jenes Apfels, mit dem sie angeblich den trojanischen Krieg ausgelöst hat. Man sollte als Zuschauer:in jedenfalls gut dranbleiben in den hochkonzentrierten 90 Minuten voller hanebüchener Geschichten, haarnadelkurviger Plot-twists und dichtgewebter Handlung, in denen Ronen/Schaad eine kompakte Lerneinheit auffächern in Sachen Social Media, Meinungsmanipulation, Verschwörungstheorien historisch und aktuell sowie deren ökonomische als auch politische Dimensionen.

Die gesamte Rezension von Franz Wille lesen Sie in Theater heute 7/22